Python · Klasse 10 · Block 4 von 4

Maschinelle Entscheidungen

Autonome Autos, Gesichtserkennung, Wahlcomputer — sie alle treffen ständig Entscheidungen. In diesem Block übertragt ihr euer Wissen über Algorithmen auf maschinelle Entscheidungsprozesse und untersucht, wo diese an ihre Grenzen stoßen.

Dieser Block funktioniert ohne Programmierumgebung — Lesen, Aufklappen und Aufdecken genügt.

Thema 01

Vom Algorithmus zum Entscheidungsprozess

In Block 2 habt ihr gelernt, wie ein Programm mit if/else und verknüpften Bedingungen entscheidet, was als Nächstes passiert. Genau dieses Prinzip steckt — meist in viel komplexerer Form — auch in realen Systemen, die Entscheidungen mit Auswirkungen auf Menschen treffen.

Sensor erkennt Hindernis
Abstand < 5 m?
Ja
Bremse sofort
Nein
Fahre weiter
🔎Als Python-Bedingung sähe das so aus wie in Block 2 — nur nennt man abstand < 5 hier eine Entscheidungsregel des Systems, nicht mehr nur eine Bedingung im Programmcode.
wenn abstand < 5:
    bremse()
sonst:
    fahre_weiter()

Woher kommen die Regeln?

Nicht jede Regel entsteht auf die gleiche Art. Man unterscheidet grob zwei Wege:

Regelbasiert

Ein Mensch schreibt die Regel direkt auf — z. B. wenn abstand < 5, dann bremsen. Genau wie eure Bedingungen aus Block 2.

Vorteil: gut erklärbar.
Grenze: Sonderfälle müssen vorher bedacht werden.

Datenbasiert / gelernt

Das System lernt Muster selbst aus tausenden Beispieldaten — z. B. bei der Gesichtserkennung. Man nennt das maschinelles Lernen.

Vorteil: auch sehr komplexe Muster erkennbar.
Grenze: schwerer erklärbar, hängt stark von den Trainingsdaten ab.

Ob handgeschrieben oder aus Daten gelernt — am Ende trifft jedes dieser Systeme seine Entscheidung über Bedingungen, genau wie euer Python-Code.
Thema 02

Der Schwellenwert

Viele maschinelle Entscheidungen entstehen nicht dadurch, dass ein System „sicher weiß", was richtig ist. Oft berechnet es nur einen Wert — und vergleicht diesen Wert mit einer Grenze.

Beispiel: Kredit-Score

Ein System berechnet für jede Person einen Score zwischen 0 und 100. Ab 70 Punkten wird der Kredit bewilligt, darunter abgelehnt.

wenn score >= 70:
    kredit_bewilligen()
sonst:
    kredit_ablehnen()

Die eigentliche Entscheidung steckt also nicht nur im Score, sondern auch im Schwellenwert 70.

Was passiert, wenn man die Grenze verschiebt?

Wird der Schwellenwert auf 80 erhöht, bekommen weniger Menschen einen Kredit. Das System wirkt vorsichtiger — lehnt aber vielleicht auch geeignete Personen ab.

Wird der Schwellenwert auf 60 gesenkt, bekommen mehr Menschen einen Kredit. Das System wirkt großzügiger — bewilligt aber vielleicht auch riskantere Fälle.

🔎Auch bei Gesichtserkennung (Ähnlichkeitswert), Notbremssystem (Abstand) und Wahlcomputer (gültig/ungültig) steckt irgendwo ein Schwellenwert — schaut in Thema 03 gezielt danach.
Ein Schwellenwert ist keine Naturkonstante. Er ist eine menschliche Festlegung mit Folgen.
Thema 03

Vier Fallbeispiele

Klickt eine Karte an, um zu sehen, wonach das System entscheidet — und wo es dabei schiefgehen kann.

Autonomes Fahren

Wonach entscheidet das System, ob es bremst, ausweicht oder weiterfährt?
Sensoren (Kamera, Radar, Lidar) liefern laufend Daten über Abstände, Geschwindigkeiten und erkannte Objekte. Ein System aus sehr vielen verknüpften Regeln entscheidet daraus in Millisekunden über Bremsen, Lenken oder Beschleunigen.

Grenze: Situationen, die in den Trainings- und Testdaten nicht vorkamen (z. B. ungewöhnliche Wetterlagen, seltene Verkehrssituationen), kann das System schlechter einschätzen als ein erfahrener Mensch.
↓ Details

Gesichtserkennung

Wonach entscheidet das System, ob zwei Gesichter zur selben Person gehören?
Das System vergleicht mathematische Merkmale eines Gesichts (Abstände, Proportionen) mit gespeicherten Referenzwerten und berechnet einen Ähnlichkeitswert. Übersteigt der Wert eine Schwelle, gilt es als Übereinstimmung.

Grenze: Die Trefferquote hängt stark davon ab, mit welchen Gesichtern das System trainiert wurde. Ist eine Gruppe in den Trainingsdaten unterrepräsentiert, steigt für sie die Fehlerquote — das System selbst "merkt" das nicht.
↓ Details

Wahlcomputer

Wonach entscheidet das System, wie eine Stimme gezählt wird?
Eine eingegebene Stimme wird als Wert einer Kandidatin oder eines Kandidaten zugeordnet und zu einem Zähler addiert — im Kern eine sehr einfache Zuweisung und Bedingung, wie ihr sie aus Block 1 kennt.

Grenze: Genau weil die Zählung nur im Code passiert, ist ohne zusätzliche Kontrolle schwer nachprüfbar, ob der Code auch wirklich fehlerfrei und unverändert ausgeführt wurde. Je wichtiger eine Entscheidung, desto wichtiger wird darum die Nachprüfbarkeit: Sind die Daten bekannt (Transparenz)? Lässt sich das Ergebnis erklären (Erklärbarkeit)? Kann jemand widersprechen (Einspruch)? Beim Wahlcomputer übernimmt das oft ein Papierbeleg.
↓ Details

Kreditwürdigkeitsprüfung

Wonach entscheidet das System, ob jemand einen Kredit bekommt?
Ein Score-System berechnet aus Merkmalen wie Einkommen, bisherigem Zahlungsverhalten oder Wohnort einen Punktwert. Liegt der Wert über einer Schwelle, wird der Kredit bewilligt — sonst abgelehnt.

Grenze: Merkmale wie der Wohnort können indirekt mit sozialer oder ethnischer Herkunft zusammenhängen. Das System "sieht" das nicht als Problem — es rechnet einfach die Muster nach, die es in den Daten gefunden hat.
↓ Details
Analyse
Wählt eines der vier Fallbeispiele aus und beantwortet: Welche Eingabedaten nutzt das System? Welche Entscheidung gibt es aus? Wo könnte ein Schwellenwert vorkommen? Welche Fehlentscheidung wäre besonders problematisch?
Thema 04

Zwei Arten von Fehlentscheidungen

Wenn ein maschinelles Entscheidungssystem falsch liegt, ist nicht jeder Fehler gleich. Besonders wichtig sind zwei Fehlerarten.

Falscher Treffer

Das System sagt „Ja", obwohl es falsch ist.
Beispiel Gesichtserkennung: Eine Person wird fälschlich als gesuchte Person erkannt.

Problem: Eine unschuldige Person kann verdächtigt oder kontrolliert werden.
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Übersehener Treffer

Das System sagt „Nein", obwohl es richtig wäre.
Beispiel Notbremssystem: Ein Hindernis wird nicht erkannt.

Problem: Das System reagiert zu spät oder gar nicht.
↓ Details

Warum ist das wichtig?

Je nachdem, wo man den Schwellenwert setzt, verändert man das Verhältnis dieser Fehlerarten. Ein sehr empfindliches System erkennt mehr echte Fälle, produziert aber auch mehr falsche Alarme. Ein sehr strenges System vermeidet falsche Alarme, übersieht aber vielleicht echte Fälle.

🔎Diskutiert: Was ist schlimmer — ein falscher Treffer oder ein übersehener Treffer? Ändert sich eure Antwort bei Gesichtserkennung, Notbremssystem, Kreditprüfung und Wahlcomputer?
Thema 05

Wo Regeln kippen

Über maschinelle Entscheidungssysteme kursieren einige Aussagen, die auf den ersten Blick logisch wirken. Klickt jede Karte an und prüft, ob sie stimmt.

„Ein Gesichtserkennungssystem entscheidet neutral, weil es nur Zahlen vergleicht."
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FalschDie Zahlen selbst sind neutral, aber sie stammen aus Trainingsdaten, die Menschen ausgewählt haben. Sind bestimmte Gruppen darin unterrepräsentiert, wird das Ergebnis systematisch ungenauer für sie — die Verzerrung steckt in den Daten, nicht in der Mathematik.
„Ein Wahlcomputer kann nicht manipuliert werden, weil er nur Code ausführt."
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FalschCode kann Fehler enthalten oder nachträglich verändert werden — und genau weil er "nur ausgeführt" wird, prüft niemand automatisch mit, ob er korrekt ist. Deshalb fordern viele Experten zusätzlich einen von Menschen nachprüfbaren Papierbeleg.
„Ein selbstfahrendes Auto trifft in jeder Situation dieselbe Entscheidung wie ein Mensch."
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FalschDas System entscheidet nach seinen programmierten bzw. gelernten Regeln — die auf bekannten Mustern beruhen. In seltenen, untrainierten Situationen kann es deutlich anders (und schlechter) reagieren als ein erfahrener Mensch.
„Wenn ein System mit sehr vielen Daten trainiert wurde, ist es automatisch fair."
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FalschMenge allein reicht nicht — entscheidend ist, ob die Daten alle betroffenen Gruppen ausgewogen abbilden. Viele unausgewogene Daten führen zu einem sehr sicher wirkenden, aber trotzdem verzerrten System.
„Jedes maschinelle Entscheidungssystem lässt sich letztlich auf Wenn-Dann-Regeln zurückführen — auch wenn diese sehr komplex sind."
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RichtigEgal ob handgeschrieben wie beim Notbremssystem oder aus Daten gelernt wie bei der Gesichtserkennung: am Ende steht immer eine — oft sehr umfangreiche — Kette von Bedingungen, die zu einer Ausgabe führt. Genau das habt ihr in Thema 01 gesehen.
Thema 06

Eigene Regel entwerfen

Formuliert eine eigene Alltagsregel als Wenn-Dann-Kette — z. B. für die Essensausgabe in der Mensa, eine Notenvergabe oder die Ausleihe in der Bibliothek. Beschreibt anschließend, wo diese Regel für jemanden unfair werden könnte.

Quiz

Teste dein Wissen

Sechs Fragen zu allem, was in diesem Block dran war.

Frage 1 / 6
Ein Notbremssystem prüft: „Ist der Abstand kleiner als 5 Meter?" Wie nennt man diese Prüfung aus der Programmierung?
Frage 2 / 6
Was unterscheidet ein Gesichtserkennungssystem von einem Notbremssystem mit festem Schwellenwert?
Frage 3 / 6
Warum ist die Aussage „Ein Computer entscheidet immer neutral" problematisch?
Frage 4 / 6
Welches der folgenden ist ein Beispiel für ein maschinelles Entscheidungssystem aus diesem Block?
Frage 5 / 6
Warum wird bei Wahlcomputern oft ein zusätzlicher Papierbeleg gefordert?
Frage 6 / 6
Ein Kredit-Score-System lehnt überproportional oft Menschen aus einem bestimmten Wohnort ab. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
0/6
Reflexion

Zum Nachdenken

„Jede Entscheidung, die eine Maschine trifft, beruht letztlich auf Regeln, die Menschen geschrieben oder mit Daten trainiert haben — die Verantwortung verschwindet dadurch nicht, sie verschiebt sich nur."

Diskutiert in der Klasse: Bei welchen wichtigen Entscheidungen würdet ihr euch lieber auf einen Menschen als auf ein automatisiertes System verlassen — und warum? Gibt es auch Bereiche, in denen ihr es andersrum seht?