Eine systematische Erkundung der Informatik als Wissenschaft, ihrer gesellschaftlichen Wirkung und der ethischen Fragen, die sie aufwirft — von den Grundlagen bis zur KI-Debatte.
Modul 01
Informatik ist weit mehr als „Programmieren". Sie ist eine eigenständige Wissenschaft mit formalen Grundlagen, einer reichen Geschichte und klar definierten Teilgebieten. Doch wie lässt sie sich einordnen — und warum ist sie keine reine Naturwissenschaft?
Die Gesellschaft für Informatik (GI) definiert Informatik als „die Wissenschaft von der systematischen Darstellung, Speicherung, Verarbeitung und Übertragung von Informationen, besonders der automatischen Verarbeitung mithilfe von Digitalrechnern". Damit ist Informatik zugleich Grundlagenwissenschaft (formale Methoden, Berechenbarkeit), Ingenieurwissenschaft (Systemkonstruktion) und Strukturwissenschaft (wie Mathematik: sie untersucht abstrakte Strukturen, nicht physische Objekte).
Formale Sprachen, Berechenbarkeit, Komplexitätstheorie
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Rechnerarchitektur, Betriebssysteme, Netzwerke
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Algorithmen, Datenstrukturen, Softwareentwicklung
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KI, Medizininformatik, Bioinformatik, Wirtschaftsinformatik
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Die Turing-Maschine definiert erstmals formal, was „Berechnung" bedeutet — noch vor dem ersten Computer.
Das Konzept des speicherprogrammierten Rechners: Programm und Daten teilen sich den Speicher. Grundlage fast aller heutigen Computer.
Erste paketvermittelte Datenübertragung zwischen UCLA und Stanford. Das Netzwerk bestand anfangs aus 4 Knoten.
2.300 Transistoren auf einem Chip. Zum Vergleich: Ein aktueller Apple M4-Chip hat über 28 Milliarden Transistoren.
HTML, HTTP und URLs — am CERN entwickelt. Berners-Lee verzichtete auf ein Patent und machte das Web frei verfügbar.
Ein tiefes neuronales Netz gewinnt die ImageNet-Challenge mit dramatischem Vorsprung — der Startschuss für die KI-Revolution.
Large Language Models erzeugen Texte, Code und Bilder auf menschlichem Niveau. Die Gesellschaft debattiert über Chancen, Risiken und Regulierung.
Modul 02
Informatik verändert Gesellschaft, Wirtschaft und den Alltag tiefgreifend. Diese Wirkungen sind ambivalent — sie schaffen Möglichkeiten und Risiken zugleich. Eine differenzierte Analyse ist unverzichtbar.
Industrie 4.0, KI-Disruption, neue Berufsbilder
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Filterblasen, Desinformation, digitale Partizipation
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KI-Diagnostik, Genomanalyse, digitale Gesundheitsakte
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Smart Grids, Rebound-Effekte, CO₂-Fußabdruck von KI
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MOOCs, KI-Tutoren, Digital Divide, Open Educational Resources
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Cyberwar, Gesichtserkennung, Massenüberwachung
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Beispiel: Soziale Medien (Innovation) → Massennutzung (Adoption) → Desinformationskrise (Disruption) → Digital Services Act (Regulierung) → Plattform-Transparenztools (Neue Innovation)
Modul 03
Informatiker*innen gestalten Systeme, die Millionen betreffen. Das bringt Verantwortung mit sich. Die Informatik-Ethik fragt: Was sollen wir tun — nicht nur, was wir tun können?
Die Gesellschaft für Informatik hat Ethische Leitlinien verabschiedet. Diese benennen Verantwortungsbereiche für Informatiker*innen. Die wichtigsten Prinzipien:
Nur Aufgaben übernehmen, die man fachlich bewältigen kann.
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Systeme nachvollziehbar und erklärbar gestalten.
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Systeme dürfen nicht systematisch benachteiligen.
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Für die Folgen des eigenen Handelns einstehen.
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Ein Unternehmen setzt eine KI ein, die Bewerbungen vorsortiert. Die KI wurde mit Daten der letzten 10 Jahre trainiert. Da in dieser Zeit überwiegend Männer eingestellt wurden, bevorzugt die KI männliche Bewerber — obwohl Geschlecht kein explizites Kriterium ist.
Du bist CTO. Was tust du?
Ein autonomes Fahrzeug erkennt: Ein Zusammenstoß ist unvermeidlich. Es kann nach links ausweichen (Kollision mit einer Einzelperson) oder geradeaus weiterfahren (Kollision mit einer Gruppe). Das System muss in Millisekunden entscheiden.
Wie soll der Algorithmus programmiert werden?
Der EU AI Act (in Kraft seit August 2024, vollständige Anwendung ab August 2026) ist das weltweit erste umfassende KI-Gesetz. Er klassifiziert KI-Systeme nach Risikostufen:
Social Scoring, manipulative KI, biometrische Echtzeit-Überwachung (mit Ausnahmen), Emotionserkennung am Arbeitsplatz
KI in Bewerbungen, Kreditvergabe, Justiz, Bildung, kritische Infrastruktur — strenge Audit-Pflichten
Chatbots, Deepfakes — Transparenzpflicht: Nutzer müssen wissen, dass sie mit KI interagieren
Spamfilter, KI in Videospielen, Empfehlungssysteme — keine besonderen Pflichten
Interaktive Aufgaben
Teste und vertiefe dein Verständnis mit diesen interaktiven Aufgaben. Von Zuordnung über Sortierung bis zur freien Textaufgabe.
Bringe diese Meilensteine in die richtige chronologische Reihenfolge (ältestes Ereignis zuerst).
Wähle ein KI-System aus dem Alltag (z.B. Spotify-Empfehlungen, ChatGPT, autonomes Fahren, Gesichtserkennung am Flughafen). Bewerte es anhand von mindestens zwei der vier ethischen Prinzipien (Kompetenz, Transparenz, Fairness, Verantwortung). Formuliere mindestens 4 Sätze.
Abschlussquiz
10 Fragen in 4 Schwierigkeitsstufen — von Grundwissen bis Kritisches Denken.
Reflexion
„Wir formen unsere Werkzeuge, und danach formen unsere Werkzeuge uns."
— Marshall McLuhan (sinngemäß)
Diskutiert in der Gruppe:
1. Sollte es ein Pflichtfach „Informatik und Ethik" an Universitäten geben — vergleichbar mit Medizinethik im Medizinstudium? Warum oder warum nicht?
2. Der EU AI Act reguliert KI nach Risikostufen. Ist dieser Ansatz ausreichend, oder bräuchte es ein generelles „Vorsorgeprinzip" für jede neue KI-Technologie?
3. Stellt euch vor, ihr wärt Mitglied einer Ethikkommission. Eine Firma will ein KI-System einsetzen, das Schülerleistungen vorhersagt und Empfehlungen für Schulwechsel gibt. Welche Bedingungen würdet ihr stellen?