Was ist eine Zahlenfolge?
Eine Zahlenfolge ist eine geordnete, unendliche Liste von Zahlen, bei der jedem natürlichen Index $n$ genau eine reelle Zahl $a_n$ zugeordnet wird:
Die einzelnen Zahlen heißen Glieder der Folge, $n$ heißt Index. Kurzschreibweise: $(a_n)_{n \in \mathbb{N}}$.
Darstellungsformen
Explizite Darstellung
Das $n$-te Glied wird direkt durch eine Formel in $n$ berechnet — kein Vorgänger nötig:
Rekursive Darstellung
Das $n$-te Glied wird aus dem vorherigen Glied berechnet. Nötig: ein Startglied $a_1$ und eine Bildungsvorschrift:
Wertetabelle und Punktdiagramm
Wertetabelle für $a_n = 2n+1$:
| $n$ | $1$ | $2$ | $3$ | $4$ | $5$ | $6$ | $7$ | $8$ |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| $a_n$ | $3$ | $5$ | $7$ | $9$ | $11$ | $13$ | $15$ | $17$ |
Im Punktdiagramm werden die Glieder als Punkte $(n \mid a_n)$ eingetragen. Da die Folge nur für ganzzahlige Indizes definiert ist, werden die Punkte nicht verbunden:
Summenformel der arithmetischen Reihe
Die Summe der ersten $n$ Glieder einer arithmetischen Folge:
Herleitung — Die Gauß-Idee
Summe einmal vorwärts, einmal rückwärts aufschreiben und spaltenweise addieren:
Daraus folgt die Summenformel:
Mit $a_n = a_1 + (n-1)\cdot d$ erhält man die äquivalente Form:
Carl Friedrich Gauß (1777–1855) soll als junger Schüler die Aufgabe bekommen haben: „Addiere alle Zahlen von 1 bis 100." Während die Mitschüler mühsam addierten, legte Gauß fast sofort seine Tafel hin — mit dem Ergebnis 5050.
Sein Trick: Zahlenpaare mit gleicher Summe bilden:
$1+100=101$, $\;2+99=101$, $\;\ldots$, $\;50+51=101$ — das sind $50$ Paare, also $50\cdot 101=5050$.
Genau diese Idee steckt in der Formel $S_n = \dfrac{n}{2}\cdot(a_1+a_n)$.
Summenformel der geometrischen Reihe
Die Summe der ersten $n$ Glieder einer geometrischen Folge:
Herleitung (für $q \neq 1$)
Summe mit $q$ multiplizieren und subtrahieren:
Ergebnis:
Für $q=1$ gilt $S_n = n\cdot a_1$.
Unendliche geometrische Reihe — was passiert für $|q|<1$?
Wenn $|q|<1$, wird $q^n$ mit wachsendem $n$ immer kleiner:
Der Term $q^n$ nähert sich dem Wert $0$. Setzt man $q^n = 0$ in die Summenformel ein, erhält man die unendliche geometrische Reihe:
Vergleich: Arithmetisch & Geometrisch
| Arithmetische Folge | Geometrische Folge | |
|---|---|---|
| Bildungsregel | $a_{n+1} = a_n + d$ | $a_{n+1} = a_n \cdot q$ |
| Explizit | $a_n = a_1 + (n-1)\cdot d$ | $a_n = a_1 \cdot q^{n-1}$ |
| Wachstum | linear | exponentiell |
| Verwandte Funktion | $f(x) = mx + b$ | $f(x) = b\cdot a^x$ |
| Summe $S_n$ | $\dfrac{n}{2}(a_1+a_n)$ | $a_1\cdot\dfrac{1-q^n}{1-q}$ |
Geometrische Folge als Wachstumsmodell
Eine geometrische Folge mit $q>1$ und Startindex $n=0$ beschreibt exponentielles Wachstum:
Der Wachstumsfaktor $q$ ist mit dem Wachstumsprozentsatz $p$ verknüpft:
Verbindung zur Exponentialfunktion
Die Folge liefert diskrete Punkte (Balken). Die Exponentialfunktion $f(x) = a_0 \cdot q^x$ ist für alle reellen $x$ definiert und verbindet diese Punkte zu einer glatten Kurve.
Anwendung: Zinsrechnung
Kapital $K_0$, jährlicher Zinssatz $p\,\%$, nach $n$ Jahren:
$K_{10} = 1000 \cdot (1{,}03)^{10} \approx 1343{,}92\,€$
Verdopplungszeit und Halbwertszeit
Verdopplungszeit $T_V$ — für wachsende Folgen ($q > 1$)
Nach wie vielen Perioden hat sich ein Wert verdoppelt? Bedingung: $a_0 \cdot q^{T_V} = 2 \cdot a_0$.
Praktische Näherung — Regel der 70:
| Zinssatz $p$ | Faktor $q$ | $T_V$ in Jahren | Regel der 70 | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| 1 % | 1,01 | 69,7 | 70 | Niedrigzins-Sparbuch |
| 3,5 % | 1,035 | 20,1 | 20 | konservative Anlage |
| 5 % | 1,05 | 14,2 | 14 | Aktienmarkt (historisch) |
| 10 % | 1,10 | 7,3 | 7 | risikoreichere Anlage |
Halbwertszeit $T_H$ — für sinkende Folgen ($q < 1$)
Das spiegelbildliche Konzept: nach wie vielen Perioden ist ein sinkender Wert auf die Hälfte gefallen?
| Sinkrate $|p|$ | Faktor $q$ | $T_H$ | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 3 % | 0,97 | ≈ 23 Jahre | Kaufkraft bei 3 % Inflation |
| 5 % | 0,95 | ≈ 14 Jahre | moderater Wertverlust |
| 50 % | 0,5 | 1 Periode | Radioaktivität: Halbierung pro Schritt |
Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Markus 12,41–44 (LUT)
Eine Frage: Nehmen wir an, frühe Christen hätten diesen Pfennig — $K_0 = 0{,}01\,€$ — im Jahr 33 n. Chr. zu einem Zinssatz von $p = 3{,}5\,\%$ angelegt. Wie viel Kapital wäre im Jahr 2026 daraus geworden?
Auswertung mit dem dekadischen Logarithmus:
A1. Eine arithmetische Folge hat $a_1 = 5$ und $d = 4$.
(a) $a_n = a_1+(n-1)\cdot d = 5+(n-1)\cdot 4$
$a_{10} = 5+9\cdot 4 = 41$ $a_{20} = 5+19\cdot 4 = 81$
(b) $S_{10} = \dfrac{10}{2}\cdot(a_1+a_{10}) = 5\cdot(5+41) = 5\cdot 46 = 230$
A2. Von einer arithmetischen Folge ist bekannt: $a_3 = 11$ und $a_7 = 27$.
(a) $a_7 - a_3 = 4d \;\Rightarrow\; 27-11=4d \;\Rightarrow\; d=4$
$a_1 = a_3 - 2d = 11-8 = 3$
(b) $a_{15} = 3+14\cdot 4 = 59$
$S_{15} = \dfrac{15}{2}\cdot(3+59) = \dfrac{15}{2}\cdot 62 = 465$
A3 (Sachaufgabe). Ein Theater hat $15$ Reihen. Die erste Reihe hat $20$ Plätze, jede weitere $3$ mehr.
Arithmetische Folge: $a_1=20$, $d=3$
(a) $a_{15} = 20+14\cdot 3 = 62$ Plätze
(b) $S_{15} = \dfrac{15}{2}\cdot(20+62) = \dfrac{15}{2}\cdot 82 = 615$ Plätze
B1. Eine geometrische Folge hat $a_1 = 4$ und $q = 3$.
(a) $a_5 = 4\cdot 3^4 = 4\cdot 81 = 324$
(b) $S_5 = 4\cdot\dfrac{1-3^5}{1-3} = 4\cdot\dfrac{1-243}{-2} = 4\cdot 121 = 484$
B2. Die ersten drei Glieder einer geometrischen Folge lauten: $2,\; 6,\; 18$.
(a) $q = \dfrac{a_2}{a_1} = \dfrac{6}{2} = 3$, $\quad a_1 = 2$
Explizit: $a_n = 2\cdot 3^{n-1}$
(b) $S_8 = 2\cdot\dfrac{1-3^8}{1-3} = 2\cdot\dfrac{1-6561}{-2} = 6560$
B3 (Sachaufgabe). Ein Kapital von $1000\,€$ wird jährlich mit $5\,\%$ verzinst.
Geometrische Folge: $a_0=1000$, $q=1{,}05$
(a) $K_8 = 1000\cdot(1{,}05)^8 \approx 1000\cdot 1{,}4775 \approx 1477{,}46\,€$
(b) $(1{,}05)^8 \approx 1{,}477 < 1{,}5$ und $(1{,}05)^9 \approx 1{,}551 > 1{,}5$
Das Kapital übersteigt $1500\,€$ nach 9 Jahren.
C1. Die Folge $5,\; 5,\; 5,\; 5,\; \ldots$ (konstant).
Arithmetisch: $a_{n+1}-a_n = 5-5=0 \;\Rightarrow\; d=0$ ✓
Geometrisch: $\dfrac{a_{n+1}}{a_n} = \dfrac{5}{5}=1 \;\Rightarrow\; q=1$ ✓
Die konstante Folge ist der einzige Fall, in dem beide Bedingungen gleichzeitig gelten.
C2 (Sachaufgabe). Eine Bakterienkultur enthält anfangs $50$ Bakterien. Die Anzahl verdoppelt sich jede Stunde.
Geometrische Folge: $a_0=50$, $q=2$
(a) $a_n = 50\cdot 2^n$
(b) $a_6 = 50\cdot 2^6 = 50\cdot 64 = 3200$ Bakterien
(c) $S = \displaystyle\sum_{n=0}^{6} a_n = 50\cdot\frac{1-2^7}{1-2} = 50\cdot 127 = 6350$ Bakterien