Ein konkretes Beispiel
Ein fairer Würfel wird 5-mal geworfen. Als Treffer gilt eine 6 — Wahrscheinlichkeit $p = \dfrac{1}{6}$. Wie wahrscheinlich sind genau 2 Treffer?
Es gibt $\dbinom{5}{2} = 10$ Möglichkeiten, genau 2 Treffer auf 5 Würfe zu verteilen. Jede einzelne Anordnung (z. B. TNTNN) hat die Wahrscheinlichkeit $\left(\dfrac{1}{6}\right)^2 \cdot \left(\dfrac{5}{6}\right)^3$.
Bernoulli-Kette
Voraussetzungen für eine Bernoulli-Kette der Länge $n$:
- Jeder Versuch hat genau zwei Ausgänge: Treffer (T) oder Niete (N).
- Die Trefferwahrscheinlichkeit $p$ ist bei jedem Versuch gleich.
- Die Versuche sind unabhängig voneinander.
Die Anzahl $X$ der Treffer in $n$ Versuchen heißt dann binomialverteilt.
Binomialverteilung
Eine Zufallsgröße $X$ heißt binomialverteilt, wenn sie bei einer Bernoulli-Kette die Anzahl der Treffer zählt. Man schreibt:
Formel für genau $k$ Treffer
Bedeutung der drei Faktoren
$P(X=5) = \dbinom{8}{5} \cdot 0{,}70^5 \cdot 0{,}30^3 = 56 \cdot 0{,}16807 \cdot 0{,}027 \approx 0{,}2541$
Ein konkretes Beispiel
Beim Freiwurf-Szenario ($n = 8$, $p = 0{,}70$): Wie wahrscheinlich ist es, höchstens 2 Treffer zu erzielen?
„Höchstens 2" bedeutet: 0 Treffer oder 1 Treffer oder 2 Treffer. Da sich diese Ereignisse gegenseitig ausschließen, dürfen wir addieren. Die Formel $P(X=k)$ wird dreimal berechnet und summiert:
Jedes der drei Glieder einzeln:
Kumulierte Wahrscheinlichkeit
Allgemein gilt für $X \sim B(n, p)$ — ausgeschrieben:
Das Zeichen $\sum$ (Sigma) ist die Kurzschreibweise für genau diese Addition — es summiert alle Glieder von $i = 0$ bis $i = k$:
Gegenereignis nutzen
Manche Formulierungen lassen sich über das Gegenereignis erheblich einfacher berechnen — statt viele Glieder zu summieren, rechnet man nur einen Term.
Grundprinzip: $P(A) = 1 - P(\overline{A})$
Statt $n$ Glieder zu addieren: einfach das eine Gegenereignis „keinmal" berechnen.
Weiteres Beispiel
$X \sim B(10;\, 0{,}3)$, gesucht $P(X \ge 3)$:
Sprachformen sicher übersetzen
Bei Aufgaben ist oft nicht die Formel schwierig, sondern die Sprache.
| Sprache im Text | Mathematisch | Anzahl Treffer | Wie rechnen? |
|---|---|---|---|
| genau $k$ | $P(X=k)$ | exakt $k$ | GTR: binomPdf(n,p,k) oder Formel |
| höchstens $k$ | $P(X \le k)$ | $0, 1, \ldots, k$ | GTR: binomCdf(n,p,k) oder Tabelle |
| mindestens $k$ | $P(X \ge k)$ | $k, k{+}1, \ldots, n$ | $1 - P(X \le k-1)$ |
| weniger als $k$ | $P(X < k)$ | $0, 1, \ldots, k{-}1$ | $P(X \le k-1)$ |
| mehr als $k$ | $P(X > k)$ | $k{+}1, k{+}2, \ldots, n$ | $1 - P(X \le k)$ |
| von $a$ bis $b$ | $P(a \le X \le b)$ | $a, a{+}1, \ldots, b$ | $P(X \le b) - P(X \le a-1)$ |
Kumulierte Verteilung rückwärts lesen
Manchmal ist in der Abiturtabelle die kumulierte Wahrscheinlichkeit $F(k) = P(X \le k)$ gegeben — gesucht ist aber ein einzelner Wert $P(X = k)$. Die Umkehrung ist einfach:
Für $k = 0$ gilt dabei $P(X \le -1) = 0$, also $P(X=0) = F(0)$.
Beispiel — Tabelle auslesen
Gegeben: $X \sim B(10;\, 0{,}3)$, Ausschnitt aus der Tabelle:
| $k$ | $F(k) = P(X \le k)$ | $P(X = k) = F(k) - F(k-1)$ |
|---|---|---|
| $0$ | $0{,}0282$ | $0{,}0282 - 0 = 0{,}0282$ |
| $1$ | $0{,}1493$ | $0{,}1493 - 0{,}0282 = 0{,}1211$ |
| $2$ | $0{,}3828$ | $0{,}3828 - 0{,}1493 = 0{,}2335$ |
| $3$ | $0{,}6496$ | $0{,}6496 - 0{,}3828 = 0{,}2668$ |
| $4$ | $0{,}8497$ | $0{,}8497 - 0{,}6496 = 0{,}2001$ |
Interaktives Diagramm
Verändere $n$, $p$ und die gesuchte Bedingung. Die passenden Balken werden lila markiert.
Diagramm lesen
Die Höhe eines Balkens zeigt $P(X=k)$. Die lila Balken gehören zur ausgewählten Bedingung — ihre Gesamtfläche entspricht der gesuchten Wahrscheinlichkeit.
Formel → Sachtext
Im Abitur muss man häufig einen gegebenen Binomialterm im Sachkontext interpretieren — also rückwärts lesen: von der Formel zum Satz.
(2) $p$ ablesen — Trefferwahrscheinlichkeit.
(3) Exponent bei $p^k$ ablesen — Anzahl der Treffer.
(4) Schlüsselwort aus Binomialkoeffizient oder Summe erkennen (genau / mindestens / …).
Beispiele
Bei 10 unabhängigen Versuchen mit Trefferwahrscheinlichkeit $p = 0{,}2$ treten genau 3 Treffer auf.
Bei 10 unabhängigen Versuchen mit Trefferwahrscheinlichkeit $p = 0{,}2$ tritt mindestens einmal ein Treffer auf. ($1 - P(X=0) = 1 - 0{,}8^{10}$)
Von 20 geprüften Schrauben (Fehlerrate $15\,\%$) sind genau 3 fehlerhaft.
Aufgabe 1 · Freiwürfe
Eine Basketballspielerin trifft jeden Freiwurf mit Wahrscheinlichkeit $p = 0{,}75$. In einem Spiel hat sie 12 Freiwürfe. Die Zufallsgröße $X$ zählt die Treffer.
a) Begründe, warum $X \sim B(12;\, 0{,}75)$ gilt.
b) Berechne $P(X = 9)$.
c) Berechne $P(X \le 7)$.
d) Berechne $P(X \ge 10)$ mithilfe des Gegenereignisses.
Aufgabe 2 · Qualitätskontrolle
In einer Fabrik sind 15 % aller Schrauben fehlerhaft. Eine Stichprobe von 20 Schrauben wird geprüft. $X$ zählt die fehlerhaften Schrauben.
a) Rechtfertige, warum $X \sim B(20;\, 0{,}15)$ gilt.
b) Berechne $P(X = 3)$.
c) Berechne $P(X \le 2)$.
$\approx 0{,}0388 + 0{,}1368 + 0{,}2293 = 0{,}4049$
d) Wie wahrscheinlich ist es, dass mindestens 5 Schrauben fehlerhaft sind?
Aufgabe 4 · Kleinstes $n$ bestimmen
Ein Impfstoff wirkt bei jeder Impfung mit Wahrscheinlichkeit $p = 0{,}85$. Wie viele Personen müssen mindestens geimpft werden, damit die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 10 Impfungen wirken, größer als $99\,\%$ ist?
Gesucht: kleinstes $n$ mit $P(X \ge 10) \ge 0{,}99$, wobei $X \sim B(n;\, 0{,}85)$.
$P(X \ge 10) = 1 - P(X \le 9) \ge 0{,}99$
$\Leftrightarrow P(X \le 9) \le 0{,}01$
Schrittweise suchen (GTR oder Tabelle):
$n = 10$: $P(X \le 9) = P(X \le n-1) \approx 0{,}8031 \not\le 0{,}01$
$n = 12$: $P(X \le 9) \approx 0{,}3772 \not\le 0{,}01$
$n = 14$: $P(X \le 9) \approx 0{,}0692 \not\le 0{,}01$
$n = 15$: $P(X \le 9) \approx 0{,}0168 \not\le 0{,}01$
$n = 16$: $P(X \le 9) \approx 0{,}0036 \le 0{,}01$ ✓
Prüfung: $n = 15$ reicht nicht ($0{,}0168 > 0{,}01$), $n = 16$ reicht.
$\Rightarrow$ Es müssen mindestens $\boldsymbol{n = 16}$ Personen geimpft werden.
Mit und ohne Zurücklegen
Bei manchen Zufallsexperimenten bleibt $p$ bei jedem Zug konstant — dann ist Bernoulli anwendbar. Bei anderen verändert sich $p$ von Zug zu Zug. Der Vergleich beider Fälle ist eine häufige Prüfungsaufgabe.
Ein Stapel enthält 20 Pokémon-Karten, davon sind 5 selten (Rare). Es werden zufällig 4 Karten gezogen. $X$ zählt die seltenen Karten. Berechne jeweils $P(X=2)$ für beide Fälle und vergleiche die Ergebnisse: (1) mit Zurücklegen, (2) ohne Zurücklegen.
Nach jedem Zug wird die Karte zurückgelegt → $p = \frac{5}{20} = 0{,}25$ bleibt konstant.
$X \sim B(4;\, 0{,}25)$
$p$ verändert sich nach jedem Zug — kein exaktes Bernoulli-Modell.
Wir berechnen stattdessen direkt über Pfade.
Ein konkreter Pfad mit genau 2 seltenen Karten (s) und 2 normalen (n), z. B. s, s, n, n:
Wie viele solche Anordnungen gibt es? $\binom{4}{2} = 6$ — alle gleich wahrscheinlich.
Wir fragen: Wie viele Möglichkeiten gibt es insgesamt, 4 Karten aus 20 zu ziehen? Und wie viele davon enthalten genau 2 seltene?
$\dbinom{5}{2} \cdot \dbinom{15}{2} = 10 \cdot 105 = 1050$
Alle Fälle: 4 Karten aus 20 wählen:
$\dbinom{20}{4} = 4845$
Aus einem Skatspiel mit 32 Karten (davon 12 Bildkarten) werden zufällig 5 Karten gezogen. $X$ zählt die Bildkarten. Berechne jeweils $P(X=2)$ für beide Fälle und vergleiche die Ergebnisse: (1) mit Zurücklegen, (2) ohne Zurücklegen.
Hinweis: Überprüfe bei Fall 2 die Faustregel. Vergleiche die Ergebnisse.
$p = \frac{12}{32} = 0{,}375$, konstant. $X \sim B(5;\, 0{,}375)$
$P(X=2) = \binom{5}{2} \cdot 0{,}375^2 \cdot 0{,}625^3 = 10 \cdot 0{,}1406 \cdot 0{,}2441 \approx 0{,}3433$
Fall 2 — Ohne Zurücklegen · Pfad-Methode:
Ein Pfad z. B. B, B, n, n, n (B = Bildkarte, n = normal):
$\dfrac{12}{32} \cdot \dfrac{11}{31} \cdot \dfrac{20}{30} \cdot \dfrac{19}{29} \cdot \dfrac{18}{28} = \dfrac{12 \cdot 11 \cdot 20 \cdot 19 \cdot 18}{32 \cdot 31 \cdot 30 \cdot 29 \cdot 28} \approx 0{,}03735$
Anzahl Anordnungen: $\binom{5}{2} = 10$
$P(X=2) = 10 \cdot 0{,}03735 \approx 0{,}3735$
Fall 2 — Ohne Zurücklegen · Hypergeometrisch:
Günstige Fälle: $\dbinom{12}{2} \cdot \dbinom{20}{3} = 66 \cdot 1140 = 75240$
Alle Fälle: $\dbinom{32}{5} = 201376$
$P(X=2) = \dfrac{75240}{201376} \approx 0{,}3736$
Bernoulli-Näherung (0,3433) weicht merklich ab — Grundgesamtheit zu klein.