gitin.de Integralrechnung VI Integrale in Technik und Statistik · Analysis · Klasse 12 Vertiefung
Worum es in diesem Modul geht
Das Integral als Summe vieler kleiner Beiträge
Dieses Modul geht über den Lehrplan hinaus. Es zeigt, wo das Integral außerhalb der Flächenberechnung gebraucht wird: für Mittelwerte, in der Physik für Arbeit und Ladung und in der Statistik für den Erwartungswert. Immer steckt dieselbe Idee dahinter: Man zerlegt in schmale Streifen, multipliziert und addiert.
Einstieg · Was liefert die Solaranlage im Schnitt?
Situation
Die Solaranlage auf dem Schuldach liefert an einem wolkenlosen Sommertag zwischen 6 und 18 Uhr Strom. Ihre Leistung wird beschrieben durch $$P(t)=5\sin\!\left(\tfrac{\pi}{12}\,t\right),\qquad 0\le t\le 12$$ Dabei ist $t$ die Zeit in Stunden nach 6 Uhr und $P(t)$ die Leistung in Kilowatt. Frage: Welche gleichbleibende Leistung hätte über den Tag dieselbe Energie geliefert?
Schritt 1 · Energie des Tages
Die Energie ist die Fläche unter dem Graphen der Leistung. Mit linearer Substitution (Modul II) ist $-\tfrac{60}{\pi}\cos\!\left(\tfrac{\pi}{12}\,t\right)$ eine Stammfunktion von $P$. Wir setzen $12$ und $0$ ein und bilden die Differenz:
$\displaystyle E=\int_0^{12}5\sin\!\left(\tfrac{\pi}{12}\,t\right)dt=\Big[-\tfrac{60}{\pi}\cos\!\left(\tfrac{\pi}{12}\,t\right)\Big]_0^{12}$
$=\left(-\tfrac{60}{\pi}\cos\pi\right)-\left(-\tfrac{60}{\pi}\cos 0\right)=\tfrac{60}{\pi}+\tfrac{60}{\pi}=\tfrac{120}{\pi}\approx 38{,}2\ \text{kWh}$
Schritt 2 · Die mittlere Leistung
Gesucht ist die Höhe $m$ eines Rechtecks über $[0;12]$, das dieselbe Fläche hat:
$m\cdot 12=\tfrac{120}{\pi}\;\;\Rightarrow\;\; m=\tfrac{1}{12}\cdot\tfrac{120}{\pi}=\tfrac{10}{\pi}\approx 3{,}18\ \text{kW}$
Im Mittel liefert die Anlage 3,18 kW, also etwa 64 % ihrer Spitzenleistung von 5 kW. Wo der Graph über dem Rechteck liegt, wird mehr geliefert; das gleicht genau die Lücken am Morgen und am Abend aus.
Definition · Integralmittelwert
Mittelwert einer Funktion
Es sei $f$ stetig auf $[a;b]$. Die Zahl $$m=\frac{1}{b-a}\int_a^b f(x)\,dx$$ heißt Mittelwert (Integralmittelwert) von $f$ auf $[a;b]$.
Deutung als Rechteck
Das Rechteck mit der Breite $b-a$ und der Höhe $m$ hat dieselbe Fläche wie die Fläche unter dem Graphen. Was der Graph über $m$ hinausragt, füllt die Lücken unter $m$ genau auf.
Mittelwertsatz der Integralrechnung
Eine stetige Funktion nimmt ihren Mittelwert mindestens einmal an: Es gibt eine Stelle $\xi$ in $[a;b]$ mit $f(\xi)=m$. Bei der Solaranlage ist das gegen 8:38 Uhr und gegen 15:22 Uhr der Fall (Lösung von $5\sin\!\left(\tfrac{\pi}{12}\,t\right)=\tfrac{10}{\pi}$ mit dem Taschenrechner).
Verbindung zur Differentialrechnung
Ist $F$ eine Stammfunktion von $f$, dann gilt $$m=\frac{F(b)-F(a)}{b-a}$$ Der Mittelwert von $f$ ist der Differenzenquotient von $F$, also die mittlere Änderungsrate des Bestands. Bei der Solaranlage: mittlere Leistung = erzeugte Energie geteilt durch die Zeit.
Beispiele
Beispiel 1Mittlere Tagestemperatur berechnen
An einem Sommertag in Leipzig wird der Temperaturverlauf zwischen 8 und 20 Uhr beschrieben durch $T(t)=25-0{,}25\,(t-14)^2$ ($t$ Uhrzeit in Stunden, $T$ in °C). Berechne die mittlere Temperatur in dieser Zeit.
Intervalllänge: $\;20-8=12$
Stammfunktion (lineare Substitution): $\;25t-\dfrac{(t-14)^3}{12}$
$20$ und $8$ einsetzen, Differenz bilden: $\;\displaystyle\int_8^{20}T(t)\,dt=\left(25\cdot 20-\frac{6^3}{12}\right)-\left(25\cdot 8-\frac{(-6)^3}{12}\right)=482-218=264$
Mittelwert: $\;m=\dfrac{264}{12}=$ $22\ ^\circ\text{C}$
Das Mittel aus kleinstem und größtem Wert, $\tfrac{16+25}{2}=20{,}5$ °C, ist zu niedrig: Die Temperatur bleibt lange in der Nähe des Maximums.
Beispiel 2Zeitpunkte bestimmen, an denen der Mittelwert erreicht wird
Bestimme, zu welchen Uhrzeiten an diesem Tag genau die mittlere Temperatur herrscht.
$25-0{,}25\,(t-14)^2=22\;\;\Rightarrow\;\;(t-14)^2=12\;\;\Rightarrow\;\;t=14\pm 2\sqrt{3}$
$t_1=14-2\sqrt{3}\approx 10{,}54,\qquad t_2=14+2\sqrt{3}\approx 17{,}46$
Gegen 10:32 Uhr und gegen 17:28 Uhr herrscht die mittlere Temperatur.
Der Mittelwertsatz garantiert mindestens eine solche Stelle. Hier gibt es zwei, symmetrisch zum Maximum um 14 Uhr.
Einstieg · Eine Federgabel einfedern
Situation
Aus der Physik kennst du: Wirkt eine konstante Kraft $F$ längs eines Weges $s$, dann ist die verrichtete Arbeit $W=F\cdot s$. Die Federgabel eines Mountainbikes ist aber eine Feder: Je weiter sie einfedert, desto stärker drückt sie zurück. Für die Kraft gilt das Gesetz von Hooke $$F(s)=10\,000\cdot s$$ ($s$ Einfederweg in m, $F$ in N). Der Federweg beträgt 0,1 m. Frage: Wie viel Arbeit ist nötig, um die Gabel ganz einzufedern?
Warum nicht einfach Kraft mal Weg?
Am Ende beträgt die Kraft $1000$ N. Mit $W=1000\cdot 0{,}1=100$ J würde man so rechnen, als hätte diese Kraft schon von Anfang an gewirkt. Das ist zu viel, denn am Anfang ist die Kraft fast null.
Idee · In Streifen zerlegen
Auf einem kurzen Wegstück $\Delta s$ ist die Kraft fast konstant. Dort ist die Arbeit ungefähr $F(s_i)\cdot\Delta s$, ein schmales Rechteck im $F$-$s$-Diagramm. Addiert man alle Streifen und lässt $\Delta s$ gegen null gehen, entsteht ein Integral: $$\sum_i F(s_i)\cdot\Delta s\;\;\longrightarrow\;\;\int_0^{0{,}1}F(s)\,ds$$ Die Arbeit ist die Fläche unter dem Graphen der Kraft – genau wie der Weg die Fläche unter dem Graphen der Geschwindigkeit ist.
Rechnung
$\displaystyle W=\int_0^{0{,}1}10\,000\,s\,ds=\Big[5000\,s^2\Big]_0^{0{,}1}=5000\cdot 0{,}01-0=50\ \text{J}$
Kontrolle mit der Dreiecksfläche: $\;\tfrac12\cdot 0{,}1\cdot 1000=50$ ✓
Zum vollständigen Einfedern sind 50 Joule nötig – halb so viel wie mit der falschen Rechnung.
Formel · Arbeit als Integral
Arbeit bei veränderlicher Kraft
Wirkt längs des Weges von $s_1$ bis $s_2$ die Kraft $F(s)$, dann ist die verrichtete Arbeit $$W=\int_{s_1}^{s_2}F(s)\,ds$$ Für eine Feder mit $F(s)=D\cdot s$ ergibt sich die bekannte Formel $W=\int_0^{s}D\,x\,dx=\tfrac12\,D\,s^2$ – jetzt hergeleitet statt nur angegeben.
Formel · Ladung als Integral
Von der Stromstärke zur Ladung
Die Stromstärke gibt an, wie viel Ladung pro Zeit fließt. Bei konstantem Strom gilt $Q=I\cdot t$. Ändert sich die Stromstärke, zerlegt man wieder in kurze Zeitabschnitte $\Delta t$ und erhält $$Q=\int_{t_1}^{t_2}I(t)\,dt$$ Die geflossene Ladung ist die Fläche unter dem Graphen der Stromstärke.
Beispiele
Beispiel 1Hubarbeit am Brunnen berechnen
Aus einem 20 m tiefen Brunnen wird ein gefüllter Eimer an einem Seil heraufgezogen. Der Eimer mit Wasser hat die Gewichtskraft 100 N, jeder Meter Seil die Gewichtskraft 4 N. Beim Hochziehen hängt immer weniger Seil im Schacht. Berechne die Arbeit, um den Eimer ganz heraufzuziehen.
Ist der Eimer schon um $x$ Meter gehoben, hängen noch $20-x$ Meter Seil: $\;F(x)=100+4\,(20-x)=180-4x$
$\displaystyle W=\int_0^{20}(180-4x)\,dx=\Big[180x-2x^2\Big]_0^{20}=\left(180\cdot 20-2\cdot 20^2\right)-\left(0-0\right)=3600-800$
$W=2800\ \text{J}$
Davon entfallen $100\cdot 20=2000$ J auf den Eimer (Rechteck) und $800$ J auf das Seil (Dreieck).
Beispiel 2Ladung beim Schnellladen berechnen
Ein Elektroauto wird an einer Schnellladesäule geladen. Weil der Akku voller wird, sinkt die Stromstärke: $I(t)=240-180\,t^2$ ($t$ in Stunden, $I$ in Ampere, $0\le t\le 1$). Berechne die Ladung, die in der ersten Stunde und in der ersten halben Stunde in den Akku fließt.
Stammfunktion: $\;240\,t-60\,t^3$
Erste Stunde: $\;\displaystyle Q=\int_0^{1}\left(240-180\,t^2\right)dt=\left(240-60\right)-\left(0-0\right)=$ $180\ \text{Ah}$
Erste halbe Stunde: $\;\left(240\cdot 0{,}5-60\cdot 0{,}5^3\right)-\left(0-0\right)=120-7{,}5=$ $112{,}5\ \text{Ah}$
In der ersten halben Stunde fließen schon $62{,}5\,\%$ der Ladung. Deshalb lohnt sich Schnellladen vor allem am Anfang.
AusblickWie schnell muss eine Rakete sein, um die Erde zu verlassen?
Auf einen Körper der Masse 1 kg wirkt im Abstand $r$ vom Erdmittelpunkt die Gewichtskraft $F(r)=\dfrac{g\,R^2}{r^2}$ (mit $g=9{,}81\ \tfrac{\text{m}}{\text{s}^2}$ und dem Erdradius $R=6371$ km). Berechne die Arbeit, um ihn von der Erdoberfläche beliebig weit wegzubringen.
Uneigentliches Integral (Modul V): $\;\displaystyle W=\int_R^{\infty}\frac{g\,R^2}{r^2}\,dr=\lim_{b\to\infty}\Big[-\frac{g\,R^2}{r}\Big]_R^{b}=\lim_{b\to\infty}\left(g\,R-\frac{g\,R^2}{b}\right)=g\,R$
$W=9{,}81\cdot 6{,}371\cdot 10^6\approx 6{,}25\cdot 10^7\ \text{J}=62{,}5\ \text{MJ}$
Diese Arbeit muss als Bewegungsenergie mitgebracht werden: $\;\tfrac12\,v^2=g\,R\;\Rightarrow\;v=\sqrt{2\,g\,R}\approx$ $11{,}2\ \tfrac{\text{km}}{\text{s}}$
Die Fläche unter dem Graphen ist unbegrenzt lang und trotzdem endlich. Deshalb kann eine Rakete die Erde überhaupt verlassen. Man nennt $11{,}2\ \tfrac{\text{km}}{\text{s}}$ die Fluchtgeschwindigkeit.
Merke · Rate mal Zeit, Kraft mal Weg
IntegrandIntegralEinheit
Geschwindigkeit $v(t)$Weg $s$$\tfrac{\text{m}}{\text{s}}\cdot\text{s}=\text{m}$
Leistung $P(t)$Energie $E$$\text{kW}\cdot\text{h}=\text{kWh}$
Kraft $F(s)$Arbeit $W$$\text{N}\cdot\text{m}=\text{J}$
Stromstärke $I(t)$Ladung $Q$$\text{A}\cdot\text{h}=\text{Ah}$
Dichtefunktion $f(x)$Wahrscheinlichkeit $P$ohne Einheit
Die Einheit des Integrals ist immer das Produkt aus der Einheit des Integranden und der Einheit auf der waagerechten Achse.
Wiederholung · Dichtefunktion
Aus Modul V
Eine stetige Zufallsgröße $X$ (Wartezeit, Lebensdauer, Lieferzeit …) wird durch eine Dichtefunktion $f$ beschrieben:
  • $f(x)\ge 0$ für alle $x$, und die Gesamtfläche unter dem Graphen ist $1$.
  • Wahrscheinlichkeiten sind Flächen: $\;P(a\le X\le b)=\displaystyle\int_a^b f(x)\,dx$.
Einstieg · Warten auf die Straßenbahn
Situation
Eine Straßenbahnlinie fährt pünktlich alle 10 Minuten. Du kommst zu einem zufälligen Zeitpunkt an die Haltestelle. Jede Wartezeit zwischen 0 und 10 Minuten ist gleich wahrscheinlich. Die Dichtefunktion der Wartezeit $X$ ist deshalb konstant: $$f(x)=0{,}1\quad\text{für }0\le x\le 10$$ Frage: Wie lange wartest du im Mittel?
Wahrscheinlichkeit als Fläche
Höchstens 3 Minuten wartest du mit der Wahrscheinlichkeit $\;P(X\le 3)=\displaystyle\int_0^3 0{,}1\,dx=0{,}3$ – die grüne Rechtecksfläche.
Vom Summenzeichen zum Integral
Bei einer Zufallsgröße mit einzelnen Werten berechnet man den Erwartungswert als gewichtete Summe: $E(X)=\sum x_i\cdot P(X=x_i)$. Hier zerlegt man die Wartezeit in kurze Abschnitte $\Delta x$. Ein Abschnitt bei $x_i$ hat ungefähr die Wahrscheinlichkeit $f(x_i)\cdot\Delta x$: $$\sum_i x_i\cdot f(x_i)\cdot\Delta x\;\;\longrightarrow\;\;\int_0^{10}x\cdot f(x)\,dx$$
$\displaystyle E(X)=\int_0^{10}x\cdot 0{,}1\,dx=\Big[0{,}05\,x^2\Big]_0^{10}=5-0=5$
Im Mittel wartest du 5 Minuten – genau das, was man erwartet.
Definition · Erwartungswert
Erwartungswert einer stetigen Zufallsgröße
Hat $X$ die Dichtefunktion $f$, dann ist $$E(X)=\int x\cdot f(x)\,dx$$ Integriert wird über den ganzen Bereich, in dem $f$ nicht null ist – wenn nötig als uneigentliches Integral.
Deutung · Gleichgewichtspunkt
Schneidet man die Fläche unter dem Graphen von $f$ aus Pappe aus, bleibt sie auf einer Spitze bei $x=E(X)$ im Gleichgewicht. Der Erwartungswert ist ein gewichteter Mittelwert: Jeder Wert $x$ zählt so stark, wie die Dichte dort hoch ist.
Verbindung zum Integralmittelwert
Ist $X$ auf $[a;b]$ gleichverteilt, so ist $f(x)=\tfrac{1}{b-a}$ und $E(X)=\tfrac{1}{b-a}\displaystyle\int_a^b x\,dx=\tfrac{a+b}{2}$ – der Mittelwert der Funktion $x$ auf $[a;b]$.
Beispiel · Dreieckverteilung
Beispiel 1Mittlere Lieferzeit einer Pizza berechnen
Ein Lieferdienst braucht zwischen 20 und 50 Minuten, am häufigsten 30 Minuten. Die Lieferzeit $X$ (in min) hat die Dichtefunktion $$f(x)=\begin{cases}\dfrac{x-20}{150} & \text{für }20\le x\le 30\\[2mm] \dfrac{50-x}{300} & \text{für }30\lt x\le 50\end{cases}$$ a)  Berechne die mittlere Lieferzeit.  b)  Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass die Pizza länger als 40 Minuten braucht.
a)  Das Integral wird an der Knickstelle $x=30$ geteilt:
$\displaystyle\int_{20}^{30}x\cdot\frac{x-20}{150}\,dx=\frac{1}{150}\Big[\frac{x^3}{3}-10x^2\Big]_{20}^{30}=\frac{1}{150}\left(\left(9000-9000\right)-\left(\frac{8000}{3}-4000\right)\right)=\frac{1}{150}\cdot\frac{4000}{3}=\frac{80}{9}$
$\displaystyle\int_{30}^{50}x\cdot\frac{50-x}{300}\,dx=\frac{1}{300}\Big[25x^2-\frac{x^3}{3}\Big]_{30}^{50}=\frac{1}{300}\left(\left(62\,500-\frac{125\,000}{3}\right)-\left(22\,500-9000\right)\right)=\frac{1}{300}\cdot\frac{22\,000}{3}=\frac{220}{9}$
$E(X)=\dfrac{80}{9}+\dfrac{220}{9}=\dfrac{300}{9}=$ $33\tfrac{1}{3}\approx 33{,}3$ Minuten
b)  Die orange Fläche ist ein Dreieck mit der Breite $10$ und der Höhe $f(40)=\tfrac{10}{300}=\tfrac{1}{30}$: $\;P(X\gt 40)=\tfrac12\cdot 10\cdot\tfrac{1}{30}=$ $\tfrac16\approx 16{,}7\,\%$
Der Erwartungswert liegt rechts vom Gipfel bei 30 Minuten. Die lange rechte Flanke – die seltenen, aber sehr langen Lieferungen – zieht ihn nach rechts.
Werkzeug · Partielle Integration
Integrieren eines Produkts
Für Dichten mit $e$-Funktion steht im Integral ein Produkt wie $x\cdot e^{-0{,}2x}$. Dafür kehrt man die Produktregel um. Aus $\left(u\cdot v\right)'=u'\cdot v+u\cdot v'$ folgt durch Integrieren von $a$ bis $b$: $$\int_a^b u(x)\cdot v'(x)\,dx=\Big[u(x)\cdot v(x)\Big]_a^b-\int_a^b u'(x)\cdot v(x)\,dx$$
So wählt man die Faktoren
  • $u$ ist der Faktor, der beim Ableiten einfacher wird – hier $u=x$, also $u'=1$.
  • $v'$ ist der Faktor, dessen Stammfunktion man kennt – hier die $e$-Funktion.
  • Das neue Integral rechts enthält dann kein Produkt mehr.
Beispiel · Exponentialverteilung
Beispiel 2Mittlere Lebensdauer einer Akkuzelle berechnen
Die Lebensdauer $X$ einer Akkuzelle (in Jahren) hat die Dichtefunktion $f(x)=0{,}2\,e^{-0{,}2x}$ für $x\ge 0$. a)  Berechne die mittlere Lebensdauer.  b)  Berechne, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Zelle diese mittlere Lebensdauer nicht erreicht.
a)  Bis $b$ integrieren mit $u=x$, $v'=0{,}2\,e^{-0{,}2x}$, also $u'=1$, $v=-e^{-0{,}2x}$:
$\displaystyle\int_0^{b}x\cdot 0{,}2\,e^{-0{,}2x}\,dx=\Big[-x\,e^{-0{,}2x}\Big]_0^{b}-\int_0^{b}\left(-e^{-0{,}2x}\right)dx=-b\,e^{-0{,}2b}+\Big[-5\,e^{-0{,}2x}\Big]_0^{b}$
$=-b\,e^{-0{,}2b}-5\,e^{-0{,}2b}+5$
Für $b\to\infty$ gehen $b\,e^{-0{,}2b}$ und $5\,e^{-0{,}2b}$ gegen $0$ (die $e$-Funktion fällt schneller, als $b$ wächst): $\;E(X)=$ $5$ Jahre
b)  $\displaystyle P(X\lt 5)=\int_0^{5}0{,}2\,e^{-0{,}2x}\,dx=\Big[-e^{-0{,}2x}\Big]_0^{5}=-e^{-1}-\left(-1\right)=1-e^{-1}\approx$ $63{,}2\,\%$
Fast zwei Drittel der Zellen fallen vor der mittleren Lebensdauer aus. Wenige sehr langlebige Zellen ziehen den Erwartungswert nach oben. Allgemein gilt für $f(x)=\lambda\,e^{-\lambda x}$: $E(X)=\tfrac{1}{\lambda}$.
Aufgabe 1 · Mittelwert
AufgabeLuftqualität im Klassenzimmer beurteilen
Während einer Doppelstunde bei geschlossenen Fenstern steigt die CO₂-Konzentration im Klassenzimmer. Sie wird beschrieben durch $c(t)=600+24\,t-0{,}1\,t^2$ ($t$ in Minuten, $0\le t\le 90$, $c$ in ppm). Fachleute empfehlen, spätestens bei 1000 ppm zu lüften.
a)  Berechne die mittlere CO₂-Konzentration während der Doppelstunde.
b)  Bestimme, nach wie vielen Minuten die Grenze von 1000 ppm überschritten wird.
c)  Vergleiche den Mittelwert aus a) mit dem Mittel aus Anfangs- und Endwert und erkläre den Unterschied.
a)  $\displaystyle\int_0^{90}c(t)\,dt=\Big[600\,t+12\,t^2-\frac{t^3}{30}\Big]_0^{90}=\left(54\,000+97\,200-24\,300\right)-0=126\,900$
$m=\dfrac{126\,900}{90}=$ $1410$ ppm
b)  $600+24\,t-0{,}1\,t^2=1000\;\Rightarrow\;t^2-240\,t+4000=0\;\Rightarrow\;t=120-\sqrt{10\,400}\approx$ $18$ Minuten (die zweite Lösung liegt außerhalb).
c)  $c(0)=600$, $c(90)=1950$, Mittel $\tfrac{600+1950}{2}=1275$ ppm. Der Integralmittelwert ist größer, weil die Konzentration am Anfang schnell steigt und danach lange hoch bleibt.
Aufgabe 2 · Arbeit
AufgabeArbeit beim Spannen eines Expanders berechnen
Ein Expander zum Krafttraining wird um 0,5 m gedehnt. Seine Federn erfüllen das Gesetz von Hooke mit $F(s)=300\cdot s$ ($s$ in m, $F$ in N).
a)  Berechne die Arbeit für die gesamte Dehnung.
b)  Berechne die Arbeit für die ersten 25 cm und für die zweiten 25 cm. Vergleiche.
a)  $\displaystyle W=\int_0^{0{,}5}300\,s\,ds=\Big[150\,s^2\Big]_0^{0{,}5}=150\cdot 0{,}25-0=$ $37{,}5$ J
b)  $\displaystyle\int_0^{0{,}25}300\,s\,ds=150\cdot 0{,}0625=9{,}375$ J,   $\displaystyle\int_{0{,}25}^{0{,}5}300\,s\,ds=150\cdot\left(0{,}25-0{,}0625\right)=28{,}125$ J
Die zweite Hälfte kostet dreimal so viel Arbeit wie die erste, weil die Kraft immer weiter wächst.
Aufgabe 3 · Ladung
AufgabeEntladung eines Blitzkondensators untersuchen
Beim Auslösen eines Kamerablitzes entlädt sich ein Kondensator. Die Stromstärke beträgt $I(t)=4\,e^{-0{,}5t}$ ($t$ in Millisekunden, $I$ in Ampere). Dabei ergibt $1\ \text{A}\cdot 1\ \text{ms}=1$ mC (Millicoulomb).
a)  Berechne die Ladung, die in den ersten 2 ms fließt.
b)  Berechne die gesamte Ladung, die bei der Entladung fließt.
c)  Bestimme, nach welcher Zeit 90 % der gesamten Ladung abgeflossen sind.
Stammfunktion (lineare Substitution): $\;-8\,e^{-0{,}5t}$
a)  $\displaystyle\int_0^{2}4\,e^{-0{,}5t}\,dt=-8\,e^{-1}-\left(-8\right)=8-8\,e^{-1}\approx$ $5{,}06$ mC
b)  $\displaystyle\int_0^{\infty}4\,e^{-0{,}5t}\,dt=\lim_{b\to\infty}\left(8-8\,e^{-0{,}5b}\right)=$ $8$ mC
c)  $8-8\,e^{-0{,}5t}=7{,}2\;\Rightarrow\;e^{-0{,}5t}=0{,}1\;\Rightarrow\;t=2\ln 10\approx$ $4{,}6$ ms
Aufgabe 4 · Erwartungswert
AufgabeAnkunftszeit eines Pakets untersuchen
Ein Paketdienst kündigt die Zustellung zwischen 8 und 12 Uhr an. Die Ankunftszeit $X$ in Stunden nach 8 Uhr hat die Dichtefunktion $f(x)=\tfrac{3}{32}\,x\,(4-x)$ für $0\le x\le 4$.
a)  Weise nach, dass $f$ eine Dichtefunktion ist.
b)  Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass das Paket zwischen 9 und 11 Uhr kommt.
c)  Berechne den Erwartungswert und begründe das Ergebnis auch ohne Rechnung.
a)  $f(x)\ge 0$ auf $[0;4]$.   $\displaystyle\int_0^{4}\tfrac{3}{32}\left(4x-x^2\right)dx=\tfrac{3}{32}\Big[2x^2-\frac{x^3}{3}\Big]_0^{4}=\tfrac{3}{32}\left(32-\tfrac{64}{3}\right)=\tfrac{3}{32}\cdot\tfrac{32}{3}=1$ ✓
b)  $\displaystyle P(1\le X\le 3)=\tfrac{3}{32}\left(\left(18-9\right)-\left(2-\tfrac13\right)\right)=\tfrac{3}{32}\cdot\tfrac{22}{3}=$ $\tfrac{11}{16}\approx 68{,}8\,\%$
c)  $\displaystyle E(X)=\tfrac{3}{32}\int_0^{4}\left(4x^2-x^3\right)dx=\tfrac{3}{32}\Big[\frac{4x^3}{3}-\frac{x^4}{4}\Big]_0^{4}=\tfrac{3}{32}\left(\tfrac{256}{3}-64\right)=\tfrac{3}{32}\cdot\tfrac{64}{3}=$ $2$, also 10 Uhr.
Ohne Rechnung: Der Graph ist symmetrisch zu $x=2$, also liegt der Gleichgewichtspunkt bei $2$.
Aufgabe 5 · Erwartungswert mit partieller Integration
AufgabeWartezeit an einer Service-Hotline berechnen
Die Wartezeit $X$ (in Minuten) an einer Service-Hotline hat die Dichtefunktion $f(x)=0{,}25\,e^{-0{,}25x}$ für $x\ge 0$.
a)  Berechne die mittlere Wartezeit mit partieller Integration.
b)  Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass man länger als die mittlere Wartezeit warten muss.
a)  $u=x$, $v'=0{,}25\,e^{-0{,}25x}$, also $u'=1$, $v=-e^{-0{,}25x}$:
$\displaystyle\int_0^{b}x\cdot 0{,}25\,e^{-0{,}25x}\,dx=\Big[-x\,e^{-0{,}25x}\Big]_0^{b}+\int_0^{b}e^{-0{,}25x}\,dx=-b\,e^{-0{,}25b}-4\,e^{-0{,}25b}+4$
Für $b\to\infty$: $\;E(X)=$ $4$ Minuten
b)  $\displaystyle P(X\gt 4)=\lim_{b\to\infty}\Big[-e^{-0{,}25x}\Big]_4^{b}=\lim_{b\to\infty}\left(-e^{-0{,}25b}+e^{-1}\right)=e^{-1}\approx$ $36{,}8\,\%$
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