Ein konkreter Fall
Ein Wetterdienst gibt an, dass seine Kurzfristvorhersagen (für den jeweils kommenden Tag) mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % zutreffen. Nach Einführung eines neuen, KI-gestützten Vorhersagemodells vermutet der Wetterdienst, dass die Trefferquote gestiegen ist.
Um diese Vermutung zu überprüfen, werden 100 zufällig ausgewählte Tage betrachtet, an denen das neue Modell im Einsatz war. Die Zufallsgröße $X$ zählt dabei die Anzahl der Tage, an denen die Vorhersage zutraf.
Warum reicht „mehr als 80" nicht als Antwort?
Selbst wenn die wahre Trefferquote weiterhin genau $p = 0{,}80$ betrüge, würde eine Stichprobe von 100 Tagen nicht immer exakt 80 Treffer liefern — mal sind es 76, mal 83, mal 79. Diese natürliche Schwankung um den Erwartungswert nennt man Stichprobenschwankung.
Ein Hypothesentest (auch Signifikanztest) liefert eine feste Regel, ab welcher Trefferzahl eine Abweichung so groß ist, dass „reiner Zufall" als Erklärung unplausibel wird. Genau diese Grenze werden wir in diesem Modul Schritt für Schritt herleiten.
Ablauf eines Hypothesentests — im Überblick
Ein Signifikanztest folgt immer demselben Schema. In diesem Modul lernst du jeden Schritt am Beispiel des Wetterdienstes kennen:
| Schritt | Was passiert | Tab |
|---|---|---|
| 1 | Null- und Alternativhypothese aufstellen | Hypothesen |
| 2 | Ablehnungsbereich mithilfe der Sigma-Regeln bestimmen | Ablehnungsbereich |
| 3 | Stichprobenergebnis mit dem Ablehnungsbereich vergleichen, Entscheidung treffen | Entscheidung |
Die Vermutung als Hypothesenpaar formulieren
Beim Wetterdienst-Beispiel gibt es zwei sich ausschließende Möglichkeiten für die wahre (unbekannte) Trefferquote $p$:
Die erste Möglichkeit — der „vorsichtige" Normalfall, der nichts Neues behauptet — heißt Nullhypothese $H_0$. Die zweite, für die man erst überzeugende Evidenz aus den Daten braucht, heißt Alternativhypothese $H_1$.
Warum „rechtsseitig"?
Die Alternativhypothese $H_1: p > 0{,}80$ enthält nur größere Werte als der Vergleichswert $p_0 = 0{,}80$. Zeichnet man die möglichen Trefferzahlen auf einer Zahlengeraden, liegt der kritische Bereich also am rechten Rand der Verteilung — daher rechtsseitiger Test.
| Testart | Nullhypothese | Alternativhypothese | Ablehnungsbereich liegt … |
|---|---|---|---|
| rechtsseitig (dieses Modul) | $p \le p_0$ | $p > p_0$ | bei großen Werten |
| linksseitig (Modul 3) | $p \ge p_0$ | $p < p_0$ | bei kleinen Werten |
| zweiseitig (Modul 4) | $p = p_0$ | $p \ne p_0$ | an beiden Rändern |
Die Zufallsgröße festlegen
Für den Test brauchen wir eine binomialverteilte Zufallsgröße. Beim Wetterdienst-Beispiel:
Wichtig: Für die Herleitung des Ablehnungsbereichs wird immer der Grenzwert aus $H_0$ eingesetzt — hier also $p_0 = 0{,}80$. Man rechnet quasi „im schlechtesten Fall für $H_1$": Nur wenn die Daten selbst dann noch auffällig sind, spricht das für $H_1$.
Erwartungswert und Standardabweichung
Unter der Annahme $X \sim B(100;\, 0{,}80)$ berechnen sich Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ mit den bekannten Formeln der Binomialverteilung:
Von Sigma-Umgebungen zur Grenze $k$
Die Sigma-Regeln beschreiben, wie sich binomialverteilte Werte um $\mu$ streuen. Für einseitige Tests (rechts- oder linksseitig) gehören zu den gängigen Signifikanzniveaus folgende Vielfache von $\sigma$:
| Signifikanzniveau $\alpha$ | Faktor $z$ | Grenze |
|---|---|---|
| $10\,\%$ | $1{,}28$ | $\mu + 1{,}28\,\sigma$ |
| $5\,\%$ | $1{,}64$ | $\mu + 1{,}64\,\sigma$ |
| $1\,\%$ | $2{,}33$ | $\mu + 2{,}33\,\sigma$ |
Beim Wetterdienst ist $\alpha = 0{,}05$ vorgegeben, also $z = 1{,}64$:
Da $X$ nur ganzzahlige Werte annimmt und der Ablehnungsbereich rechtsseitig ist (wir suchen die kleinste Trefferzahl, die noch auffällig ist), wird aufgerundet:
Ablehnungsbereich und Annahmebereich
Damit lassen sich beide Bereiche angeben:
binomCdf überprüfen:1 - binomCdf(100, 0.8, 86) $\approx 0{,}0469$ — das ist $\le 0{,}05$ ✓1 - binomCdf(100, 0.8, 85) $\approx 0{,}0804$ — das ist $> 0{,}05$ ✗Damit ist $k=87$ bestätigt: die kleinste Zahl, ab der die Wahrscheinlichkeit höchstens $5\,\%$ beträgt.
Interaktiv: Wie verändert sich $k$ mit $\alpha$?
Wähle ein Signifikanzniveau und beobachte, wie sich die Grenze $k$ und der lila markierte Ablehnungsbereich verschieben. Grundlage bleibt $X \sim B(100;\,0{,}80)$.
Die Entscheidungsregel formulieren
Aus dem Ablehnungsbereich $\overline{A} = \{87, \ldots, 100\}$ ergibt sich eine konkrete, im Sachkontext formulierte Handlungsanweisung:
Die Stichprobe auswerten
In der tatsächlichen Stichprobe von 100 Tagen mit dem neuen Modell trafen $X = 89$ Vorhersagen zu.
Fehler 1. Art
Auch bei korrekt durchgeführtem Test kann die Entscheidung falsch sein — der Test trifft ja nur eine Aussage über Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheit.
Das Signifikanzniveau $\alpha$ ist die Obergrenze für die Wahrscheinlichkeit dieses Fehlers. Die tatsächliche Wahrscheinlichkeit liegt wegen der Rundung auf ganze Trefferzahlen meist etwas darunter:
Und der Fehler 2. Art?
Der Fehler 2. Art tritt ein, wenn $H_0$ beibehalten wird, obwohl in Wirklichkeit $H_1$ zutrifft — die Trefferquote wäre also tatsächlich gestiegen, der Test „übersieht" das aber, weil die Stichprobe zufällig zu wenige Treffer zeigte. Seine genaue Berechnung hängt vom tatsächlichen (unbekannten) Wert von $p$ ab und ist nicht Teil dieses Moduls — hier reicht die begriffliche Abgrenzung.
Aufgabe 1 · Qualitätskontrolle bei LED-Lampen
Eine Fabrik stellt LED-Lampen her. Bisher lag der Anteil defekter Lampen (Ausschussanteil) bei 15 %. Nach einem Wechsel des Lieferanten für ein Bauteil vermutet die Qualitätssicherung, dass der Ausschussanteil gestiegen ist. Dazu wird eine Stichprobe von 80 Lampen geprüft; $X$ zählt die defekten Lampen unter diesen 80. Es wird auf dem Signifikanzniveau $\alpha = 5\,\%$ getestet.
a) Formuliere Null- und Alternativhypothese und begründe, warum es sich um einen rechtsseitigen Test handelt.
$H_1: p > 0{,}15$ (Ausschussanteil ist gestiegen)
Rechtsseitig, weil $H_1$ nur größere Werte als $p_0=0{,}15$ enthält — die vermutete Verschlechterung liegt „rechts" vom bisherigen Wert.
b) Berechne Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ unter $H_0$ und prüfe die Laplace-Bedingung.
$\sigma = \sqrt{80 \cdot 0{,}15 \cdot 0{,}85} = \sqrt{10{,}2} \approx 3{,}19$
$\sigma \approx 3{,}19 > 3$ ✓ — Laplace-Bedingung erfüllt, Sigma-Regeln anwendbar.
c) Bestimme den Ablehnungsbereich.
1 - binomCdf(80, 0.15, k-1) für Werte um die berechnete
Grenze — ersten Wert $\le 0{,}05$ suchen.
$\mu + 1{,}64\,\sigma = 12 + 1{,}64 \cdot 3{,}19 \approx 12 + 5{,}24 = 17{,}24$
Aufrunden: $k = 18$
$\overline{A} = \{18,\, 19,\, \ldots,\, 80\}$ (Ablehnungsbereich)
$A = \{0,\, 1,\, \ldots,\, 17\}$ (Annahmebereich)
d) In der Stichprobe wurden $X = 20$ defekte Lampen gezählt. Triff die Testentscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird verworfen: Der Ausschussanteil hat sich auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ signifikant gegenüber den bisherigen $15\,\%$ erhöht — der Lieferantenwechsel steht im Verdacht, die Qualität verschlechtert zu haben.
Aufgabe 2 · Trefferquote beim Elfmeterschießen
Ein Fußballspieler verwandelte in der Vergangenheit Elfmeter mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 %. Nach einem gezielten Techniktraining vermutet der Trainer, dass sich die Trefferquote verbessert hat. Zur Überprüfung schießt der Spieler 45 Elfmeter; $X$ zählt die Treffer. Signifikanzniveau: $\alpha = 5\,\%$.
a) Formuliere die Hypothesen und die zugehörige Zufallsgröße mit ihrer Verteilung unter $H_0$.
$X$: Anzahl der verwandelten Elfmeter unter 45 Versuchen, $X \sim B(45;\, 0{,}60)$ unter $H_0$.
b) Bestimme $\mu$, $\sigma$ und den Ablehnungsbereich.
1 - binomCdf(45, 0.6, k-1).
$\sigma = \sqrt{45 \cdot 0{,}60 \cdot 0{,}40} = \sqrt{10{,}8} \approx 3{,}29$ ($\sigma > 3$ ✓)
$\mu + 1{,}64\,\sigma \approx 27 + 5{,}39 = 32{,}39 \Rightarrow k = 33$
$\overline{A} = \{33,\, \ldots,\, 45\}$
c) Beim Test verwandelt der Spieler $X = 31$ von 45 Elfmetern. Triff die Entscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird beibehalten: Obwohl der Spieler mit 31 von 45 Treffern (ca. $68{,}9\,\%$) rein rechnerisch besser als früher trifft, reicht diese Abweichung auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ nicht aus, um sie sicher vom bloßen Zufall zu unterscheiden — die Verbesserung ist statistisch nicht signifikant.
d) Erkläre, was der Fehler 1. Art hier bedeuten würde.