Ein konkreter Fall
Eine bundesweite Studie zur Mediennutzung Jugendlicher (die sogenannte PINTA-Studie) ergab: 25 % der Jugendlichen zählen zu den „Wenignutzern" des Internets — sie sind seltener als der Durchschnitt online. Ein Schulsozialarbeiter, der seit einiger Zeit verstärkt Medienkompetenz-Projekte an seiner Schule durchführt, vermutet, dass der Anteil der Wenignutzer inzwischen gesunken ist.
Um diese Vermutung zu überprüfen, werden 100 zufällig ausgewählte Jugendliche der Schule befragt. Die Zufallsgröße $X$ zählt dabei die Anzahl der Jugendlichen unter diesen 100, die zu den Wenignutzern zählen.
Warum reicht „weniger als 25" nicht als Antwort?
Selbst wenn der wahre Anteil weiterhin genau $p = 0{,}25$ betrüge, würde eine Stichprobe von 100 Jugendlichen nicht immer exakt 25 Wenignutzer liefern — mal sind es 21, mal 28, mal 23. Diese natürliche Schwankung um den Erwartungswert nennt man Stichprobenschwankung.
Ein Hypothesentest (auch Signifikanztest) liefert eine feste Regel, ab welcher (niedrigen) Trefferzahl eine Abweichung so groß ist, dass „reiner Zufall" als Erklärung unplausibel wird. Genau diese Grenze werden wir in diesem Modul Schritt für Schritt herleiten.
Ablauf eines Hypothesentests — im Überblick
Ein Signifikanztest folgt immer demselben Schema. In diesem Modul lernst du jeden Schritt am Beispiel der Wenignutzer-Quote kennen:
| Schritt | Was passiert | Tab |
|---|---|---|
| 1 | Null- und Alternativhypothese aufstellen | Hypothesen |
| 2 | Ablehnungsbereich mithilfe der Sigma-Regeln bestimmen | Ablehnungsbereich |
| 3 | Stichprobenergebnis mit dem Ablehnungsbereich vergleichen, Entscheidung treffen | Entscheidung |
Die Vermutung als Hypothesenpaar formulieren
Beim Wenignutzer-Beispiel gibt es zwei sich ausschließende Möglichkeiten für den wahren (unbekannten) Anteil $p$:
Die erste Möglichkeit — der „vorsichtige" Normalfall, der nichts Neues behauptet — heißt Nullhypothese $H_0$. Die zweite, für die man erst überzeugende Evidenz aus den Daten braucht, heißt Alternativhypothese $H_1$.
Warum „linksseitig"?
Die Alternativhypothese $H_1: p < 0{,}25$ enthält nur kleinere Werte als der Vergleichswert $p_0 = 0{,}25$. Zeichnet man die möglichen Trefferzahlen auf einer Zahlengeraden, liegt der kritische Bereich also am linken Rand der Verteilung — daher linksseitiger Test.
| Testart | Nullhypothese | Alternativhypothese | Ablehnungsbereich liegt … |
|---|---|---|---|
| rechtsseitig (Modul 2) | $p \le p_0$ | $p > p_0$ | bei großen Werten |
| linksseitig (dieses Modul) | $p \ge p_0$ | $p < p_0$ | bei kleinen Werten |
| zweiseitig (Modul 4) | $p = p_0$ | $p \ne p_0$ | an beiden Rändern |
Die Zufallsgröße festlegen
Für den Test brauchen wir eine binomialverteilte Zufallsgröße. Beim Wenignutzer-Beispiel:
Wichtig: Für die Herleitung des Ablehnungsbereichs wird immer der Grenzwert aus $H_0$ eingesetzt — hier also $p_0 = 0{,}25$. Man rechnet quasi „im schlechtesten Fall für $H_1$": Nur wenn die Daten selbst dann noch auffällig niedrig sind, spricht das für $H_1$.
Erwartungswert und Standardabweichung
Unter der Annahme $X \sim B(100;\, 0{,}25)$ berechnen sich Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ mit den bekannten Formeln der Binomialverteilung:
Von Sigma-Umgebungen zur Grenze $k$
Die Sigma-Regeln beschreiben, wie sich binomialverteilte Werte um $\mu$ streuen. Für einseitige Tests (rechts- oder linksseitig) gehören zu den gängigen Signifikanzniveaus dieselben Vielfachen von $\sigma$ wie beim rechtsseitigen Test — nur wird jetzt subtrahiert statt addiert, weil der Ablehnungsbereich links liegt:
| Signifikanzniveau $\alpha$ | Faktor $z$ | Grenze |
|---|---|---|
| $10\,\%$ | $1{,}28$ | $\mu - 1{,}28\,\sigma$ |
| $5\,\%$ | $1{,}64$ | $\mu - 1{,}64\,\sigma$ |
| $1\,\%$ | $2{,}33$ | $\mu - 2{,}33\,\sigma$ |
Beim Wenignutzer-Beispiel ist $\alpha = 0{,}05$ vorgegeben, also $z = 1{,}64$:
Da $X$ nur ganzzahlige Werte annimmt und der Ablehnungsbereich linksseitig ist (wir suchen die größte Trefferzahl, die noch auffällig niedrig ist), wird abgerundet:
Ablehnungsbereich und Annahmebereich
Damit lassen sich beide Bereiche angeben:
binomCdf überprüfen:binomCdf(100, 0.25, 0, 17) $\approx 0{,}0376$ — das ist $\le 0{,}05$ ✓binomCdf(100, 0.25, 0, 18) $\approx 0{,}0630$ — das ist $> 0{,}05$ ✗Damit ist $k=17$ bestätigt: die größte Zahl, bis zu der die Wahrscheinlichkeit höchstens $5\,\%$ beträgt.
Interaktiv: Wie verändert sich $k$ mit $\alpha$?
Wähle ein Signifikanzniveau und beobachte, wie sich die Grenze $k$ und der lila markierte Ablehnungsbereich verschieben. Grundlage bleibt $X \sim B(100;\,0{,}25)$.
Die Entscheidungsregel formulieren
Aus dem Ablehnungsbereich $\overline{A} = \{0, \ldots, 17\}$ ergibt sich eine konkrete, im Sachkontext formulierte Handlungsanweisung:
Die Stichprobe auswerten
In der tatsächlichen Stichprobe von 100 Jugendlichen zählten $X = 16$ zu den Wenignutzern.
Fehler 1. Art
Auch bei korrekt durchgeführtem Test kann die Entscheidung falsch sein — der Test trifft ja nur eine Aussage über Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheit.
Das Signifikanzniveau $\alpha$ ist die Obergrenze für die Wahrscheinlichkeit dieses Fehlers. Die tatsächliche Wahrscheinlichkeit liegt wegen der Rundung auf ganze Trefferzahlen meist etwas darunter:
Exkurs · Der p-Wert
Statt vorab eine feste Grenze $k$ zu berechnen, kann man auch direkt fragen: „Wie unwahrscheinlich ist das konkret beobachtete Ergebnis (oder ein noch extremeres), wenn $H_0$ zutrifft?" Diese Wahrscheinlichkeit heißt p-Wert. Für unser Beispiel mit $X = 16$:
Da $0{,}0211 < 0{,}05 = \alpha$, kommt man zur selben Entscheidung: $H_0$ wird verworfen. Der p-Wert-Ansatz und die Ablehnungsbereich-Methode führen bei gleichem $\alpha$ immer zum gleichen Ergebnis — es sind nur zwei verschiedene Blickwinkel auf denselben Test.
Und der Fehler 2. Art?
Der Fehler 2. Art tritt ein, wenn $H_0$ beibehalten wird, obwohl in Wirklichkeit $H_1$ zutrifft — der Anteil wäre also tatsächlich gesunken, der Test „übersieht" das aber, weil die Stichprobe zufällig zu viele Wenignutzer zeigte. Seine Berechnung braucht einen konkreten alternativen Wert $p_1$ für den wahren Anteil — der ist im Sachkontext zunächst unbekannt, kann aber z. B. durch eine spätere Erhebung bekannt werden.
Angenommen, eine spätere, umfassendere Erhebung zeigt: Der wahre Anteil der Wenignutzer ist tatsächlich auf $p_1 = 0{,}18$ gesunken. Wie wahrscheinlich wäre es dann gewesen, dass unser Test das nicht erkannt hätte?
1 - binomCdf(100, 0.18, 0, 17) $\approx 0{,}5408$
Aufgabe 1 · Vertriebsquote einer Schuhmarke
Der Vertreter einer Schuhmarke behauptet, dass mindestens 70 % aller Schuhgeschäfte in der Region seine Marke im Sortiment führen. Ein Konkurrenzunternehmen bezweifelt das und vermutet, der tatsächliche Anteil sei geringer. Dazu wird eine Stichprobe von 90 Schuhgeschäften geprüft; $X$ zählt die Geschäfte, die die Marke führen. Es wird auf dem Signifikanzniveau $\alpha = 5\,\%$ getestet.
a) Formuliere Null- und Alternativhypothese und begründe, warum es sich um einen linksseitigen Test handelt.
$H_1: p < 0{,}70$ (Anteil ist geringer)
Linksseitig, weil $H_1$ nur kleinere Werte als $p_0=0{,}70$ enthält — der vermutete geringere Anteil liegt „links" vom behaupteten Wert.
b) Berechne Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ unter $H_0$ und prüfe die Laplace-Bedingung.
$\sigma = \sqrt{90 \cdot 0{,}70 \cdot 0{,}30} = \sqrt{18{,}9} \approx 4{,}35$
$\sigma \approx 4{,}35 > 3$ ✓ — Laplace-Bedingung erfüllt, Sigma-Regeln anwendbar.
c) Bestimme den Ablehnungsbereich.
binomCdf(90, 0.7, 0, k) für Werte um die berechnete
Grenze — größten Wert $\le 0{,}05$ suchen.
$\mu - 1{,}64\,\sigma = 63 - 1{,}64 \cdot 4{,}35 \approx 63 - 7{,}13 = 55{,}87$
Abrunden: $k = 55$
$\overline{A} = \{0,\, 1,\, \ldots,\, 55\}$ (Ablehnungsbereich)
$A = \{56,\, 57,\, \ldots,\, 90\}$ (Annahmebereich)
d) In der Stichprobe führten $X = 52$ Geschäfte die Marke. Triff die Testentscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird verworfen: Der Anteil der Geschäfte, die die Marke führen, liegt auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ signifikant unter den behaupteten $70\,\%$ — die Behauptung des Vertreters lässt sich statistisch nicht halten.
Aufgabe 2 · Keimquote von Saatgut
Ein Saatgut-Hersteller garantiert für eine bestimmte Getreidesorte eine Keimquote von mindestens 85 %. Ein landwirtschaftliches Prüflabor bezweifelt diese Angabe nach mehreren Beschwerden von Landwirten und testet 200 Samenkörner unter Laborbedingungen; $X$ zählt die gekeimten Körner. Signifikanzniveau: $\alpha = 5\,\%$.
a) Formuliere die Hypothesen und die zugehörige Zufallsgröße mit ihrer Verteilung unter $H_0$.
$X$: Anzahl der gekeimten Körner unter 200 Samen, $X \sim B(200;\, 0{,}85)$ unter $H_0$.
b) Bestimme $\mu$, $\sigma$ und den Ablehnungsbereich.
binomCdf(200, 0.85, 0, k).
$\sigma = \sqrt{200 \cdot 0{,}85 \cdot 0{,}15} = \sqrt{25{,}5} \approx 5{,}05$
($\sigma > 3$ ✓)
$\mu - 1{,}64\,\sigma \approx 170 - 8{,}28 = 161{,}72 \Rightarrow k = 161$
$\overline{A} = \{0,\, \ldots,\, 161\}$
c) Im Test keimten $X = 155$ von 200 Samenkörnern. Triff die Entscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird verworfen: Die tatsächliche Keimquote liegt auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ signifikant unter den garantierten $85\,\%$ — die Beschwerden der Landwirte sind statistisch begründet.
d) Erkläre, was der Fehler 1. Art hier bedeuten würde.