Ein konkreter Fall
In einem beliebten Mobile-Game erhalten Spielerinnen und Spieler nach jeder gespielten Runde mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eine Bonus-Truhe mit einer Zusatzbelohnung. Laut den offiziellen Patch-Notes des Entwicklerstudios liegt diese Wahrscheinlichkeit bei 20 %. Nach einem Update melden sich in einem Spieler-Forum widersprüchliche Stimmen: Manche sind überzeugt, die Truhe erscheine seitdem seltener — andere schwören, sie bekämen sie inzwischen häufiger als vorher.
Ein unabhängiger Datenanalyst wertet 200 von der Community dokumentierte Spielrunden nach dem Update aus. Die Zufallsgröße $X$ zählt dabei, in wie vielen dieser 200 Runden eine Bonus-Truhe erschien.
Warum reicht ein einfacher Vergleich nicht?
Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit weiterhin genau bei $p = 0{,}20$ läge, würden 200 Spielrunden nicht immer exakt 40 Bonus-Truhen liefern — mal sind es 36, mal 44, mal 39. Diese natürliche Schwankung um den Erwartungswert nennt man Stichprobenschwankung.
Besonders hier ist: Die Vermutungen im Forum gehen in beide Richtungen — „seltener" und „häufiger" gleichzeitig. Ein Hypothesentest muss also nicht nur eine, sondern zwei Grenzen liefern: eine untere und eine obere, jenseits derer „reiner Zufall" als Erklärung unplausibel wird.
Ablauf eines Hypothesentests — im Überblick
Ein Signifikanztest folgt immer demselben Schema. In diesem Modul lernst du jeden Schritt am Beispiel der Bonus-Truhen-Quote kennen:
| Schritt | Was passiert | Tab |
|---|---|---|
| 1 | Null- und Alternativhypothese aufstellen | Hypothesen |
| 2 | Zwei Ablehnungsbereiche mithilfe der Sigma-Regeln bestimmen | Ablehnungsbereich |
| 3 | Stichprobenergebnis mit den Ablehnungsbereichen vergleichen, Entscheidung treffen | Entscheidung |
Die Vermutung als Hypothesenpaar formulieren
Beim Bonus-Truhen-Beispiel gibt es zwei sich ausschließende Möglichkeiten für die wahre (unbekannte) Wahrscheinlichkeit $p$:
Die erste Möglichkeit — der „vorsichtige" Normalfall, der nichts Neues behauptet — heißt Nullhypothese $H_0$. Die zweite, für die man erst überzeugende Evidenz aus den Daten braucht, heißt Alternativhypothese $H_1$.
Warum „zweiseitig"?
Die Alternativhypothese $H_1: p \ne 0{,}20$ enthält sowohl größere als auch kleinere Werte als der Vergleichswert $p_0 = 0{,}20$. Zeichnet man die möglichen Trefferzahlen auf einer Zahlengeraden, liegt der kritische Bereich also an beiden Rändern der Verteilung — daher zweiseitiger Test.
| Testart | Nullhypothese | Alternativhypothese | Ablehnungsbereich liegt … |
|---|---|---|---|
| rechtsseitig (Modul 2) | $p \le p_0$ | $p > p_0$ | bei großen Werten |
| linksseitig (Modul 3) | $p \ge p_0$ | $p < p_0$ | bei kleinen Werten |
| zweiseitig (dieses Modul) | $p = p_0$ | $p \ne p_0$ | an beiden Rändern |
Die Zufallsgröße festlegen
Für den Test brauchen wir eine binomialverteilte Zufallsgröße. Beim Bonus-Truhen-Beispiel:
Wichtig: Für die Herleitung der Ablehnungsbereiche wird immer der Grenzwert aus $H_0$ eingesetzt — hier also $p_0 = 0{,}20$. Man rechnet quasi „im schlechtesten Fall für $H_1$": Nur wenn die Daten selbst dann noch auffällig weit von $p_0$ entfernt sind, spricht das für $H_1$.
Erwartungswert und Standardabweichung
Unter der Annahme $X \sim B(200;\, 0{,}20)$ berechnen sich Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ mit den bekannten Formeln der Binomialverteilung:
Von Sigma-Umgebungen zu zwei Grenzen
Beim zweiseitigen Test verteilt sich das Signifikanzniveau $\alpha$ auf beide Ränder der Verteilung — je $\alpha/2$ pro Seite. Deshalb gehören zu den gängigen Signifikanzniveaus hier andere Faktoren $z$ als beim einseitigen Test (Module 2/3): Statt des $(1-\alpha)$-Quantils der Standardnormalverteilung braucht man das $(1-\alpha/2)$-Quantil.
| Signifikanzniveau $\alpha$ | je Rand $\alpha/2$ | Faktor $z$ |
|---|---|---|
| $10\,\%$ | $5\,\%$ | $1{,}64$ |
| $5\,\%$ | $2{,}5\,\%$ | $1{,}96$ |
| $1\,\%$ | $0{,}5\,\%$ | $2{,}58$ |
Beim Bonus-Truhen-Beispiel ist $\alpha = 0{,}05$ vorgegeben, also $z = 1{,}96$. Damit ergeben sich eine untere und eine obere Grenze:
Da $X$ nur ganzzahlige Werte annimmt, wird nach außen gerundet — die untere Grenze abgerundet, die obere aufgerundet:
Ablehnungsbereich und Annahmebereich
Damit lassen sich alle drei Bereiche angeben:
binomCdf(200, 0.2, 0, 28) $\approx 0{,}0179$ — das ist $\le 0{,}025$ ✓binomCdf(200, 0.2, 29, 200) bzw. $1-$binomCdf(200, 0.2, 0, 51)
$\approx 0{,}0236$ — das ist $\le 0{,}025$ ✓Zusammen: $P(\text{Fehler 1. Art}) \approx 0{,}0179 + 0{,}0236 = 0{,}0415 < 0{,}05 = \alpha$. Damit sind $k_1=28$ und $k_2=52$ bestätigt.
Interaktiv: Wie verändern sich die Grenzen mit $\alpha$?
Wähle ein Signifikanzniveau und beobachte, wie sich die beiden Grenzen $k_1$ (lila) und $k_2$ (orange) sowie der markierte Ablehnungsbereich verschieben. Grundlage bleibt $X \sim B(200;\,0{,}20)$.
Die Entscheidungsregel formulieren
Aus den Ablehnungsbereichen $\overline{A} = \{0,\ldots,28\} \cup \{52,\ldots,200\}$ ergibt sich eine konkrete, im Sachkontext formulierte Handlungsanweisung:
Die Stichprobe auswerten
In den 200 ausgewerteten Spielrunden erschien die Bonus-Truhe $X = 25$-mal.
Fehler 1. Art
Auch bei korrekt durchgeführtem Test kann die Entscheidung falsch sein — der Test trifft ja nur eine Aussage über Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheit.
Das Signifikanzniveau $\alpha$ ist die Obergrenze für die Wahrscheinlichkeit dieses Fehlers — hier addieren sich die Wahrscheinlichkeiten beider Ränder:
Exkurs · Der p-Wert beim zweiseitigen Test
Auch hier lässt sich statt einer festen Grenze direkt fragen: „Wie unwahrscheinlich ist das konkret beobachtete Ergebnis (oder ein noch extremeres in derselben Richtung), wenn $H_0$ zutrifft?" Beim zweiseitigen Test wird diese Wahrscheinlichkeit anschließend verdoppelt, um beide Ränder zu berücksichtigen. Für unser Beispiel mit $X = 25$ (unterer Rand, also die kleinere der beiden Richtungen):
Da $0{,}0073 < 0{,}05 = \alpha$, kommt man zur selben Entscheidung: $H_0$ wird verworfen. Der p-Wert-Ansatz und die Ablehnungsbereich-Methode führen bei gleichem $\alpha$ immer zum gleichen Ergebnis — es sind nur zwei verschiedene Blickwinkel auf denselben Test.
Und der Fehler 2. Art?
Der Fehler 2. Art tritt ein, wenn $H_0$ beibehalten wird, obwohl in Wirklichkeit $H_1$ zutrifft — die Wahrscheinlichkeit hätte sich also tatsächlich verändert, der Test „übersieht" das aber, weil die Stichprobe zufällig einen Wert im Annahmebereich lieferte. Seine genaue Berechnung hängt vom tatsächlichen (unbekannten) Wert von $p$ ab und ist nicht Teil dieses Moduls — hier reicht die begriffliche Abgrenzung.
Aufgabe 1 · Tombola auf dem Schulfest
Bei der Tombola auf dem Schulfest gewinnt laut Aushang der Organisatoren jedes Los mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 % einen Sachpreis. Nach dem Fest gibt es Diskussionen: Einige Helfer haben den Eindruck, das Losrad sei nicht richtig durchmischt worden — dadurch könnten deutlich mehr oder deutlich weniger Gewinne als angegeben ausgegeben worden sein. Zur Überprüfung wird die Verkaufsliste von 150 Losen ausgewertet; $X$ zählt die Gewinn-Lose darunter. Es wird auf dem Signifikanzniveau $\alpha = 5\,\%$ getestet.
a) Formuliere Null- und Alternativhypothese und begründe, warum es sich um einen zweiseitigen Test handelt.
$H_1: p \ne 0{,}30$ (Gewinnwahrscheinlichkeit hat sich verändert)
Zweiseitig, weil $H_1$ sowohl größere als auch kleinere Werte als $p_0=0{,}30$ enthält — die Vermutung geht in beide Richtungen.
b) Berechne Erwartungswert $\mu$ und Standardabweichung $\sigma$ unter $H_0$ und prüfe die Laplace-Bedingung.
$\sigma = \sqrt{150 \cdot 0{,}30 \cdot 0{,}70} = \sqrt{31{,}5} \approx 5{,}61$
$\sigma \approx 5{,}61 > 3$ ✓ — Laplace-Bedingung erfüllt, Sigma-Regeln anwendbar.
c) Bestimme beide Ablehnungsbereiche.
binomCdf(150, 0.3, 0, k) für Werte um die untere Grenze
und mit dem Gegenereignis für die obere Grenze — jeweils größten/kleinsten Wert
mit Wahrscheinlichkeit $\le 0{,}025$ suchen.
$\mu - 1{,}96\,\sigma = 45 - 1{,}96 \cdot 5{,}61 \approx 45 - 11{,}00 = 34{,}00$
$\mu + 1{,}96\,\sigma = 45 + 1{,}96 \cdot 5{,}61 \approx 45 + 11{,}00 = 56{,}00$
Abrunden unten, aufrunden oben: $k_1 = 33$, $k_2 = 57$
$\overline{A} = \{0,\, \ldots,\, 33\} \cup \{57,\, \ldots,\, 150\}$ (Ablehnungsbereich)
$A = \{34,\, \ldots,\, 56\}$ (Annahmebereich)
Probe: $P(X\le33)\approx0{,}0181 \le 0{,}025$ ✓ und $P(X\ge57)\approx0{,}0219 \le 0{,}025$ ✓
d) In der Verkaufsliste fanden sich $X = 60$ Gewinn-Lose. Triff die Testentscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird verworfen: Die Gewinnquote liegt auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ signifikant über den angegebenen $30\,\%$ — der Verdacht, das Losrad sei nicht korrekt durchmischt worden, lässt sich statistisch nicht entkräften.
Aufgabe 2 · Kartenmischmaschine im Turnierbetrieb
Bei einem Kartenspiel-Turnier kommt eine automatische Mischmaschine zum Einsatz. Laut Hersteller sollte eine bestimmte Kartenkombination bei korrekter Durchmischung mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 % auftreten. Nach einer Reparatur der Maschine wollen die Turnierrichter prüfen, ob sie noch korrekt kalibriert ist — eine Fehlfunktion könnte die Wahrscheinlichkeit sowohl erhöhen als auch verringern. Dazu werden 240 Mischvorgänge ausgewertet; $X$ zählt, wie oft die Kombination auftrat. Signifikanzniveau: $\alpha = 5\,\%$.
a) Formuliere die Hypothesen und die zugehörige Zufallsgröße mit ihrer Verteilung unter $H_0$.
$X$: Anzahl der Mischvorgänge mit der Kombination unter 240, $X \sim B(240;\, 0{,}25)$ unter $H_0$.
b) Bestimme $\mu$, $\sigma$ und beide Ablehnungsbereiche.
binomCdf(240, 0.25, 0, k) für beide Ränder.
$\sigma = \sqrt{240 \cdot 0{,}25 \cdot 0{,}75} = \sqrt{45} \approx 6{,}71$
($\sigma > 3$ ✓)
$\mu - 1{,}96\,\sigma \approx 60 - 13{,}15 = 46{,}85 \Rightarrow k_1 = 46$
$\mu + 1{,}96\,\sigma \approx 60 + 13{,}15 = 73{,}15 \Rightarrow k_2 = 74$
$\overline{A} = \{0,\, \ldots,\, 46\} \cup \{74,\, \ldots,\, 240\}$
$A = \{47,\, \ldots,\, 73\}$
Probe: $P(X\le46)\approx0{,}0199 \le 0{,}025$ ✓ und $P(X\ge74)\approx0{,}0239 \le 0{,}025$ ✓
c) In der Auswertung trat die Kombination $X = 40$-mal auf. Triff die Entscheidung und deute sie im Sachkontext.
$H_0$ wird verworfen: Die tatsächliche Auftretenswahrscheinlichkeit liegt auf dem Niveau $\alpha=5\,\%$ signifikant unter den erwarteten $25\,\%$ — die Maschine mischt nach der Reparatur nicht mehr wie spezifiziert, eine erneute Wartung ist angezeigt.
d) Erkläre, was der Fehler 1. Art hier bedeuten würde.